Zwischen Frühaufstehen und Vergesellschaften – was hilft Deutschland?

Ein Paradigma, das klingt nach etwas ziemlich Abstraktem. Wie wirkungsvoll so ein gesellschaftliches Leitbild sein kann, zeigt sich immer dann, wenn es sehr mächtig geworden ist – wie etwa in der Hochzeit des Marktliberalismus, als der Leitgedanke war, alles dem Markt zu überlassen, und selbst Rote und Grüne es toll fanden zu privatisieren, bis der Crash kam.

Es zeigt sich auch, wenn es eben keins wirklich gibt, weil ein altes verloren gegangen – das Marktliberale – und das neue erst im Entstehen ist, als bindendes Zeug noch nicht wirkt. So wie hier und heute. Wie wirr es dann zugehen kann, ist gerade zu beobachten – nicht nur an den Ergebnissen deutscher Landtagswahlen. Da gibt es den Abbau staatlicher Leistungen à la Trump, gepaart mit wildem Protektionismus, und einen Kettensägen-Argentinier – oder einen Bundeskanzler, der um Investoren für Deutschland diese Woche mit dem etwas überraschendes Hinweis auf deutsche Tugenden zu werben versucht hat, etwa dass wir Deutschen früh aufstehen (das war bestenfalls leicht ironisch gemeint). Da werden die Chinesen höchst beeindruckt sein.

Fast zeitgleich sorgen Ideen für viel Zu- (und Wider-) Spruch, wie sie Isabella Weber gerade in ihrem Buch über eine anti-faschistische Wirtschaftspolitik darlegt – und die in kaum krasserem Widerspruch zum Merz’schen Glauben an den Erfolg durch Fleiß stehen könnten. Da geht es darum, dass der Markt eben gelegentlich auch nicht funktioniert. Und dass es in solchen Fällen nötig wäre, staatlich einzugreifen; und etwa das Wohnen wieder bezahlbar zu machen oder neue Inflationsschocks frühzeitig aufzufangen, statt sie im Glauben an die Steuerung des Marktes laufen zu lassen – wobei alles darauf hindeutet, dass das vor allem den Autoritären Zulauf bringt.

Es spricht einiges dafür, das es jetzt nicht nur um (mangelnde) Bezahlbarkeit geht, klar. Welch unterschiedliche Gründe dazu führen, dass Leute Autoritäte und Populisten wählen, haben wir in unserem Reality-Check empirisch ausgewertet. Nur: Wenn selbst die Diagnosen der Probleme heute derart weit auseinandergehen wie derzeit, ist das in etwa das Gegenteil von einem gesellschaftlich einenden Paradigma. Da geht es nicht mehr um Nuancen und Politik-Varianten, sondern um kaum noch vereinbare Wahrnehmungen dessen, was einen Großteil der Menschen bewegt. Es gibt ja etliche empirische Evidenz, wonach etwa wirtschaftliche Unsicherheit stark dazu beiträgt, dass Populisten gewählt werden – und dass diese Unsicherheit auch durch allzu viel Vertrauen in den Markt entstanden ist. Es gibt ein Problem, wenn die gängige Ökonomie das trotz aller Dramatik nicht als etwas versteht, wozu die Ökonomie eine Lösung beitragen kann und sollte – eine Lösung, die sich nicht darin erschöpft, auf Prozent-Wirtschaftswachstum zu zählen.

Unauflösbar? Möglich. Möglich nur auch, dass das Widerstreben Teil eines typischen Wandels von einem alten zu einem neuen Paradigma ist – in dem die einen noch umso stoischer an alten marktliberalen Dogmen festhalten; während das Neue allmählich an Überzeugung gewinnt. Das könnte auch jetzt der Fall sein. Nicht weil Isabella Weber per se recht hat. Sondern weil das, was sie beschreibt, seit Jahren von neuen Denkern und Denkerinnen schon angedacht wird und als Erkenntnis reift – und weil es bei den Menschen überzeugender wirkt, als der stoische Ruf nach dem Markt. 

Indizien dafür könnten Phänomene sein wie das Verschwinden der allzu technokratisch-wirtschaftsliberalen FDP; oder die Rekordunbeliebheit eines Kanzlers sein, der für das Alte steht – oder der Absturz von Donald Trump. Ebenso wie, im Positiven, dass etwa der neue New Yorker Bürgermeister so viel Sympathie genießt mit seinen Vorhaben, das Leben bezahlbarer zu machen; ähnlich wie Andy Burnham, der neue britische Premier, der mit vergleichbarer Agenda angetreten ist – worauf seine Labour-Partei in Umfragen die Nationalisten überholt hat.  Auch wenn das alles noch keinen Erfolg belegt: vielleicht geht der Paradigmenwechsel gerade in eine neue Phase.

Credit Picture: (c) Christian Charisius/dpa

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