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Wenn gut gemeinte Politik die Demokratie erst recht gefährdet
Die Dramatik nahender Wahlerfolge von Populisten und Autoritären steht in erschreckendem Widerspruch zur Leichtfertigkeit, mit der bei uns über die Ursachen gemutmaßt wird. Zeit für einen empirisch fundierten Reality-Check, was den Unmut der Menschen wirklich treibt – und was ihn beheben kann. Eine Agenda für die nächste Zeit.
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Mission resumed
Das Forum New Economy in der New Paradigm Alliance
Was braucht es für ein neues wirtschaftliches Paradigma zur Lösung der großen Krisen unserer Zeit? Darauf Antworten zu finden, dazu hat das Forum New Economy von 2019 bis 2026 unter dem Dach der European Climate Foundation beigetragen – als gemeinsames Projekt diverser Initiatoren. Jetzt wird die Idee und Mission fortgesetzt – in neuem Setting: in der gerade gestarteten New Paradigm Alliance, einem Zusammenschluss mit der Global Solutions Initiative.
Alles, was das Forum von 2019 bis 2026 hervorgebracht hat, finden Sie weiterhin hier.
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Podcast
New Economy Sounds

Nach dem AfD-Schock in Sachsen-Anhalt – warum die Bundesregierung mitverantwortlich ist für den Erfolg der Autoritären
Folge 2
zum neuen Podcast mit Thomas Fricke und Martin Kaelble.
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Reality-check
Wann Populisten gewinnen – und welche Politik wirklich gegen Unmut hilft
Warum wählen Menschen Populisten und Autoritäre? Angst vor Migranten oder vor Inflation? Umbrüche oder Mangel an irgendwelchen Reformen?
Eine exklusive Auswertung zum Stand der Forschung, was wirklich hinter Wut und Unmut in Deutschland und anderswo steckt – und was nicht.
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Weiterlesen: Inflationsschocks – der unterschätzte Unmutsfaktor
Inflationsschocks – der unterschätzte Unmutsfaktor
Wenn es einen größeren Zustrom von Menschen nach Deutschland gibt, wählen mehr Leute extreme Parteien. Heißt es. In Wirklichkeit fällt bei näherem Hinsehen ein anderer Zusammenhang sehr viel deutlicher auf: stark zugenommen hat die Zustimmung zu Populisten, wenn die Inflation hoch ist.
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Weiterlesen: Lehren aus der Trump-Wahl – ein Interview auf Ursachensuche
Lehren aus der Trump-Wahl – ein Interview auf Ursachensuche
Ist aktive Regionalpolitik der Schlüssel zur Bekämpfung des wachsenden Populismus? Der Ökonom Robert Gold erklärt, warum Regionalförderung in den USA (noch) keine messbaren Effekte erzielt, wie Regionalpolitik gestaltet werden muss, um das zu ändern – und welche Rolle Kontrollverlust und Vertrauen dabei spielen.
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Weiterlesen: Wo bleibt die New Economy? Versuch eines Zwischenstopps
Wo bleibt die New Economy? Versuch eines Zwischenstopps
Seit dem Kollaps des marktliberalen Dogmas vor fast 20 Jahren suchen innovative Denker und Denkerinnen nach passenderen Antworten auf die Probleme der Zeit. Daraus ist inzwischen ein Konsens über Ziele und Prinzipien gewachsen – trotz aller Abwehrkämpfe wiedererstarkter Marktradikaler und Ordo-Nostalgiker.

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New Economy in the making
Trotz aller Marktnostalgie: ein neues Paradigma gewinnt an Konturen – ein Zwischenstopp.
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„Es gibt inzwischen einen Konsens über Ziele und Prinzipien einer neuen Wirtschaft. Es braucht noch mehr Fortschritte bei der Entwicklung konkreter Politik – um auch die Populisten zu stoppen.“
Ein Konsens, viele Formen
Von der Berlin Declaration 2024 über den London Consensus 2025 bis zum Global Council on New Economics for the 21st Century, wie er im April 2026 von Spaniens Premier Pedro Sanchez lanciert wurde: immer neue Initiativen lassen vermuten, wie entwickelt und fortgeschritten das Nachdenken über eine Alternative zum marktliberalen Paradigma inzwischen ist.
Wie die Prinzipien des neuen Konsens aussehen könnten, lässt sich aus dem Grundzügen der Berlin Declaration beispielhaft ableiten.
- Zu den neuen Zielen gehören statt eindimensionale Effizienz geteilter Wohlstand und guten Jobs
- Es braucht pro-aktive Industriepolitik, die regionale Brüche antizipiert
- Es braucht auch eine besser gemanagte Globalisierung, um allzu harte Brüche zu vermeiden
- Wirtschaften führt nicht automatisch zu Trickle-down und besserer Verteilung – hier braucht es aktiv Korrekturen
- Klimapolitik über höhere Bepreisung droht kontraproduktiv zu sein – es braucht auch Investitionen
- es braucht auch ein neues Gleichgewicht zwischen Märkten und kollektivem Handeln
- es braucht eine Politik, die Marktmacht begrenzt
Reality-Check – Was wirklich hilft
Von einem Zeitalter großer Schocks und Unsicherheiten…
… zu einer tief sitzenden Sorge vor Kontrollverlust und Ohnmacht
Ohnmacht
Kontrollverlust

Unvorhersehbarer Stress
Verlustangst
Check-List: Was Ängste verstärkt – und was nicht
Populisten werden überall gewählt. Trotzdem fällt auf: immer da, wo es massive wirtschaftliche Umbrüche gab, ist die Neigung deutlich höher als anderswo. Dieser Befund gehört zu den am besten erforschten. So zeigte der Ökonom David Autor in einer berühmt gewordenen Studie, welchen Einfluss regionale Brüche auf die US-Präsidentschaftswahlen 2016 hatten: Donald Trump gewann am Ende vor allem in den Staaten, die mit Deindustrialisierung zu kämpfen hatten. Autor zeigte in seiner Auswertung der US-Wahlstimmen, dass Republikaner mehrere Staaten im Rust Belt verloren hätten, wenn die dort angesiedelten Industrien nicht so stark von zunehmenden Importen aus Niedriglohnländern getroffen worden wären1.
Vergleichbare Befunde ergeben Studien von Thiemo Fetzer zum Brexit. Wie der Ökonom zeigte, wurde 2016 vor allem in traditionellen Industriestandorten für den Brexit gestimmt, etwa im Nordosten Englands2. Der Effekt war dabei besonders ausgeprägt, wenn die Regierung in den Regionen besonders harte Kürzungen vorgenommen hatte (siehe auch Faktor Austerität). Städte wie London oder Cambridge, die von dem Niedergang nicht betroffen waren, stimmten hingegen gegen den Brexit3.
Der Düsseldorfer Ökonom Jens Südekum bemerkte ähnliche Muster auch für Deutschland, wo sich ebenfalls Regionen identifizieren lassen, in denen durch wirtschaftliche Umbrüche überdurchschnittlich viele Arbeitsplätze verloren gegangen sind4. Diese Regionen entwickelten sich zu Hochburgen der AfD5. Wie Südekum und Kollegen herausfanden, gewann die AfD überdurchschnittlich viele Stimmen in traditionellen Industrieregionen mit rückläufiger Beschäftigung im Verarbeitenden Gewerbe6. Solche Zusammenhänge wurden auch in Frankreich beobachtet, wo die Rechtsextreme Marine Le Pen ebenfalls besonders hohe Zustimmung in jener Gegend bekommt, die auch der „Französische Rust Belt“ genannt wird – eine Region, die zuvor in wirtschaftliche Schieflage geraten war3.
Politische Implikationen
Stimmt der Befund, spricht viel dafür, in gefährdeten Regionen präventiv alternative Industrien zu fördern, wenn sich größere Umbrüche abzeichnen. Empirische Evidenz für die Wirkung einer solchen pro-aktiven Regionalpolitik liefert unter anderem Robert Gold für die EU. In einer Langzeitauswertung von Wahldaten zeigt der Populismusforscher, dass die Menschen in gefährdeten Regionen, in denen die EU gezielt in die Regionalentwicklung investierte, bei Parlamentswahlen weniger rechtsextreme Parteien wählten7. Auch Ökonomen wie Jens Südekum und Dani Rodrik befürworten einen solchen Ansatz8. Im Saarland wurde mit Blick auf den anstehenden Wandel zur Elektromobilität vor einigen Jahren ein Transformationsfonds aufgelegt, mit dem Investitionen mobilisiert werden und bisherige Beschäftigte in der Autoindustrie so neue Arbeit finden sollen.
Auch wurden Schlüsse aus den Diagnosen von Autor und in die Regionalpolitik aufgenommen wurde, die US-Präsident Joe Biden von 2021 bis 2024 umgesetzt hatte. Stichwort: Inflation Reduction Act (IRA). Die Mittel wurden dabei gerade in solche Regionen investiert, die als besonders geschwächt galten – und in denen zuvor überproportional Donald Trump gewählt worden war.
Ob diese Politik erfolgreich war, lässt sich angesichts der Niederlage der Demokraten 2024 eher bezweifeln. Wie Robert Gold in einer systematischen regionalen Auswertung der US-Präsidentschaftswahlen 2024 zeigte, ließ sich bis zu den Wahlen noch kein spürbarer Effekt der massiven regionalen Investitionen auf das entsprechende regionale Wahlverhalten feststellen. Als möglichen Grund für das Ausbleiben einer Reaktion führen Experten und Expertinnen allerdings an, dass die tatsächlichen positiven Effekte des IRA völlig überlagert wurden vom Inflationsschock, den es nach Beginn des Kriegs in der Ukraine gegeben hatte. Auch spricht nach Golds Vermutung einiges dafür, dass die Effekte erst mit Verzögerung eintreten. Ob und wann eine pro-aktive Regionalpolitik erfolgreich ist, lässt sich demnach aktuell nur bedingt belegen.
1 Autor, D., Dorn, D., Hanson, G., & Majlesi, K. (2017). A note on the effect of rising trade exposure on the 2016 presidential election. Appendix to Importing Political Polarization, 3139-3183.
2 Becker, S. O., Fetzer, T., & Novy, D. (2017). Who voted for Brexit? A comprehensive district-level analysis. Economic policy, 32(92), 601-650.
3 Rodríguez-Pose, A. (2018). The revenge of the places that don’t matter (and what to do about it). Cambridge journal of regions, economy and society, 11(1), 189-209.
4 Dauth, W., Findeisen, S., & Suedekum, J. (2014). The rise of the East and the Far East: German labor markets and trade integration. Journal of the European economic association, 12(6), 1643-1675.
5 Dippel, C., Gold, R., Heblich, S., & Pinto, R. (2022). The effect of trade on workers and voters, The Economic Journal, 132(641), 199-217.
6 Schneider, L. (2020). Deindustrialisierung und wahlverhalten. Wirtschaftsdienst, 100(10), 787-792.
7 Gold, R., & Lehr, J. (2024). Paying off populism: How regional policies affect voting behavior (No. 2266). Kiel Working Paper.
8 Rodrik, D. (2022). An industrial policy for good jobs. Hamilton Project—Policy proposal. Washington, DC: Brookings Institution, 1-31.
Wenn es einen größeren Zustrom von Menschen nach Deutschland gibt, wählen mehr Leute extreme Parteien. Heißt es. In Wirklichkeit fällt bei näherem Hinsehen ein anderer Zusammenhang sehr viel deutlicher: stark zugenommen hat die Zustimmung zu Populisten, wenn die Inflation hoch ist. So stiegen die Umfragewerte der AfD in Deutschland just seit dem Höhepunkt der Inflation im Herbst 2022. Ähnliches gilt für das Jahr 2026: auch hier ist die Zustimmung zur AfD just in dem Moment gestiegen, als infolge des Kriegs im Nahen und Mittleren Osten Ölpreise und Inflation anzogen.
Ähnliche Wirkung scheint die Teuerung in den USA gehabt zu haben. Umfragen zufolge war die Inflation im Wahlkampf 2024 für rund 41 Prozent der US-Bürger und Bürgerinnen eines der wichtigsten Themen1. Und: dort, wo das Problem am stärksten wahrgenommen wurde, gewann bei der Wahl in der Tendenz Donald Trump. Sprich: ohne Inflation wäre Trump womöglich gar kein zweites Mal Präsident geworden.
Eine Mehrheit der Wähler und Wählerinnen gab 2024 vor den EU-Wahlen an, dass die Reduzierung von Inflation zu ihren Kernanliegen gehöre2. Dass sich diese Präferenzen auch in Wahlpräferenzen spiegeln, scheint logisch. Tatsächlich zeigt eine Analyse von 13 europäischen Ländern über einen Zeitraum von 30 Jahren hinweg, dass Wähler die jeweiligen Amtsinhaber an der Wahlurne abstraften, wenn es während der Regierungszeit zu Inflationsschüben kam3.
Die Forscher Jonathan Federle, Cathrin Mohr und Moritz Schularick prüften die Auswirkung von Inflationsschocks, indem sie die Ergebnisse von 365 Wahlen in 18 Industrienationen analysierten. Ergebnis: überall dort, wo es zu unerwarteten größeren Inflationsschocks kommt, gewinnen Populisten – bei einem Teuerungsschub von 10 Prozentpunkten erhöhte sich im Schnitt der Stimmenanteil populistischer Parteien sogar um rund 15 Prozent. Besonders groß war der Zugewinn von populistischen Parteien, wenn Inflationsschocks nicht durch höhere Löhne und Gehälter aufgefangen wurden: fielen die realen Einkommen, kam es in aller Regel auch zu deutlich mehr Demonstrationen und Streiks in dem betreffenden Land4.
Dass Inflation einen so starken Einfluss auf das Wahlverhalten haben kann, scheint auch mit den Erkenntnissen von Psychologen und Soziologen übereinzustimmen: wenn die Preise stiegen, kommt dies für die Menschen einem Kontrollverlust gleich – worauf viele tendenziell mit einer stärkeren Neigung zur Wahl von Populisten reagieren.
Politische Implikationen
Wenn der Befund stimmt, bekommt der Kampf gegen Inflation eine ganz neue Bedeutung. Und das hat auch Einfluss auf die Wahl der Mittel. Nach klassischem Ökonomie-Verständnis gilt es, auf Inflation vor allem durch Leitzinserhöhungen zu reagieren. Das Problem: die Wirkung tritt dann erst mit einiger Verzögerung auf – zu spät womöglich, um die Neigung zur Wahl populistischer Parteien noch zu stoppen. Außerdem können klassische Leitzinserhöhungen sogar kontraproduktiv sein, da sie Ungleichheit eher fördern – was wiederum eher zugunsten der Populisten wirkt: wohlhabende Haushalte profitieren bei solchen Zinserhöhungen von höheren Renditen, während einkommensschwache Haushalte mehr Geld für (Kredit-)Rückzahlungen zurücklegen müssen.
Gerade weil klassische Maßnahmen im Hinblick auf das Wahlverhalten eher zu spät oder kontraproduktiv wirken, fordern Wirtschaftswissenschaftler wie Isabella Weber stattdessen präventive Maßnahmen. So ließe sich bei einem geopolitischen Schock verhindern, dass Rohstoffpreise ebenso schockartig und spekulativ verstärkt hochschnellen, indem etwa Vorräte rasch aufgestockt werden. In Deutschland wurden Anfang 2023 tatsächlich die Gasreserven aufgestockt, um Energiepreise niedrig zu halten. Anders als in der marktliberalen Idealvorstellung der Ökonomen können angesichts der massiven politischen Folgen auch direkte Eingriffe der Regierung dann sinnvoll sein – etwa gezielte Preiskontrollen und Preisdeckelungen5.
1 Gillespie, L. (2024). Survey: 41% of Americans Say Inflation is Their Top Economic Issue for the 2024 Election. Retrieved October, 28, 2024.
2 Abnett, K. (2024). Economy, Migration, War top Voters’ Concerns in EU Election–Survey. Retrieved October, 28, 2024.
3 Chappell Jr, H. W., & Veiga, L. G. (2000). Economics and elections in Western Europe: 1960–1997. Electoral Studies, 19(2-3), 183-197.
4 Federle, J. J., Mohr, C., & Schularick, M. (2024). Inflation surprises and election outcomes (No. 2278). Kiel Working Paper.
5 Lara Jauregui, J., Weber, I. M., Pires, L. N., & Teixeira, L. (2025). Price Shocks are Redistribution Shocks: Systemically Significant Prices for Inequality in the United States. Isabella M. and Pires, Luiza Nassif and Teixeira, Lucas, Price Shocks are Redistribution Shocks: Systemically Significant Prices for Inequality in the United States.
Zu den am besten erforschten Faktoren dafür, dass Menschen Populisten wählen, gehören Maßnahmen, mit denen der Staat seine Finanzen sanieren will – ob über Kürzungen von Sozialausgaben oder höhere Steuern und Abgaben. Nach ausgeprägter Austerität gewinnen Populisten regelmäßig an Zulauf. Gerade in Europa lassen sich dafür zahlreiche Belege finden. Ein prominentes Beispiel ist der Brexit, dem zwischen 2010 und 2015 radikale Sparmaßnahmen der britischen Regierung vorausgingen.
Der Ökonom Thiemo Fetzer hat in einer großartigen Studie zeigt, dass in jenen Regionen, in denen diese Austeritäts-Maßnahmen besonders strikt waren, überdurchschnittlich viele Stimmen an die populistische UKIP-Partei gingen – um 3,5 bis 11 Prozentpunkte mehr. Dies könnte für den Brexit entscheidend gewesen sein. Wären die Sparmaßnahmen nicht verabschiedet worden, hätte das Referendum nach Fetzers Diagnose durchaus zugunsten des „Remain“-Lagers ausfallen können1. Auch einzelne Sparmaßnahmen wie die von der britischen Regierung 2011 beschlossene Kürzung der Wohngeldleistungen für einkommensschwache Mieterfamilien führten zu einer nachweislich höheren Zustimmung für „Leave“, so Fetzer – und dazu, dass viele betroffene „Remain“-Befürworter keine Stimme abgaben2.
Ähnliche Effekte finden sich für Schweden: Im Jahr 2006 wurde hier ein Sparprogramm verabschiedet, mit dem unter anderem die Ausgaben für Kranken- und Arbeitslosengeld erheblich gekürzt wurden. Die Einführung dieses Sparprogramms führte zu einem signifikanten Anstieg des Stimmenanteils der rechtsextremen Partei „Schwedische Demokraten“3.
Der Effekt von Austerität kann auch auf gesamteuropäischer Ebene nachgewiesen werden. So zeigt eine Auswertung von 200 Wahlen über europäische Länder hinweg, dass eine Kürzung öffentlicher Ausgaben um 1 Prozent zu einem Anstieg des Stimmenanteils extremistischer Parteien um etwa 3 Prozentpunkte führt4.
Politische Implikationen
Wenn Sparmaßnahmen die Stimmenanteile populistischer und extremistischer Parteien erhöhen, sind gezielte öffentliche Ausgaben, beispielsweise in ökonomisch benachteiligte Regionen, ein Mittel gegen Populisten? Dazu gibt es bisher keine eindeutigen Ergebnisse und Antworten.
Erste Befunde zeigen, dass die Zustimmung für populistische Parteien durch gezielte EU-Investitionen tatsächlich sinkt. Unter anderem weisen Giuseppe Albanese und Ko-Autoren nach, dass die Unterstützung von Populisten in solchen italienischen Gemeinden, die Zahlungen im Rahmen eines EU-Regionalfonds erhielten, um 5 Prozent niedriger war als in Gemeinden, die keine Zahlung erhielten5. Populismus-Forscher Robert Gold fand ebenfalls, dass Rechtsextreme in den vergangenen Jahrzehnten in jenen Regionen weniger Zulauf bekamen, in denen die EU über ihre Strukturfonds überdurchschnittlich viel investieren ließ.
Andererseits hat die EU zuletzt große Investitionspakete auf den Weg gebracht, darunter das 2020 angekündigte „Next Generation EU“-Paket in Höhe von 750 Milliarden Euro zur Abfederung der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise. Dies hat allerdings nicht verdindert, dass populistische Parteien in vielen Regionen in dieser Zeit auf dem Vormarsch blieben. Vorläufiges Fazit: es scheint weitere Forschung notwendig zu sein, um zu ergründen, unter welchen Umständen solche Investitionen zu nachlassender Zustimmung für die Populisten führt.
1 Fetzer, T. (2019). Did austerity cause Brexit?. American Economic Review, 109(11), 3849-3886.
2 Fetzer, T., Sen, S., & Souza, P. C. (2019). Housing insecurity, homelessness and populism: Evidence from the UK.
3 Bo, E. D., Finan, F., Folke, O., Persson, T., & Rickne, J. (2018). Economic losers and political winners: Sweden’s radical right. Unpublished manuscript, Department of Political Science, UC Berkeley, 2(5), 2.
4 Gabriel, R. D., Klein, M., & Pessoa, A. S. (2026). The political costs of austerity. Review of Economics and Statistics, 108(1), 145-161.
5 Albanese, G., Barone, G., & De Blasio, G. (2022). Populist voting and losers’ discontent: Does redistribution matter?. European Economic Review, 141, 104000.
Zu den stark unterschätzten tieferen Gründen für den Aufstieg von Populisten in allen möglichen reicheren Ländern dürfte etwas zählen, was sich unter dem Begriff der China-Schocks kategorisieren lässt. Fast überall, wo Rechtspopulisten in den vergangenen zehn Jahren gewonnen haben, hat es zuvor heftige wirtschaftliche Verwerfungen gegeben, die durch die neue Konkurrenz von Billiganbietern aus Schwellenländern ausgelöst wurden – in erster Linie aus China. Für die USA wurde dafür der Begriff des China-Schocks geschaffen. Seit Kurzem wird auch für Europa und Deutschland von so einem (zweiter) China-Schock gesprochen – also einem Phänomen drastisch zunehmender Importe aus China bei gleichzeitig kriselnden (deutschen) Exporten dorthin.
Dass diese Schocks über ihre wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen auch das Wahlverhalten beeinflussen, zeigen inzwischen eine ganze Reihe Studien. Logisch: auch hier wird direkt oder indirekt das Gefühl eines Kontrollverlusts bestärkt. Was lässt sich schon gegen die teils stark subventionierte Konkurrenz aus der Ferne machen?
Der Wirtschaftsnobelpreisträger Daron Acemoglu hat dargelegt, dass die Arbeitslosigkeit in jenen US-Regionen nachweislich stärker steigt, in denen die Einführzölle für chinesische Produkte besonders niedrig waren1. Auch die Löhne sanken in den betroffenen Regionen2. Wie David Autor in seiner berühmt gewordenen Studie darlegte, haben die Folgen des China-Schocks von Anfang der 2000er-Jahre in den USA dazu beigetragen, dass bei den Wahlen 2016 in den betroffenen Regionen des Rust Belts überdurchschnittliche viele Menschen für Donald Trump stimmten.
Legendär geworden ist in dem Zusammenhang auch das Buch des heutigen US-Vize-Präsidenten J.D. Vance, der in „Hillbilly Elegy“ die regionalen Folgen des Niedergangs auf die Menschen beschreibt. In mehreren europäischen Ländern wirkte sich der erste „China-Schock“ auch direkt auf die politische Einstellung der Bevölkerung aus: In Großbritannien führte eine Steigerung des chinesischen Import-Schocks – um, statistisch ausgedrückt, eine Standardabweichung – im Zuge der Brexit-Abstimmung zu einem Anstieg der „Leave“-Stimmen um zwei Prozentpunkte3. In Frankreich führte eine Erhöhung des chinesischen Import-Schocks wiederum zu einem höheren Stimmenanteil der rechtsextremen Front National um 0,4 Prozentpunkte4. Auch in Deutschland erhöhte der Schock die Stimmenanteile der AfD signifikant5.
Politische Implikationen
Wie bei fast allen empirisch belegbaren Faktoren, geht es auch bei den China-Schocks im Kern darum, dass sie das Gefühl von Ohnmacht und Kontrollverlust verstärken. Entsprechend hilfreich sollten alle Maßnahmen sein, mit denen Regierungen und EU unlauteren Wettbewerb durch subventionierte Billigangebote kontern. Das könnte nicht nur die Folgen der Schocks abmildern, sondern den Menschen in den betroffenen Ländern auch das Gefühl vermitteln, dass die eigenen Regierungen die Kontrolle nicht aufgegeben haben und durchaus im Interesse der eigenen Bevölkerung agieren.
Diesen Effekt strebt seit 2025 ganz eindeutig US-Präsident Donald Trump an, indem er immer wieder mit höheren Zöllen droht und diese auch umsetzt. Fraglich ist nur, ob diese sehr konfliktreiche Politik über den reinen Eindruck der vermeintlichen Handlungsfähigkeit hinaus auch zu einer tatsächlichen Besserung der wirtschaftlichen Lage führt – und damit das Gefühl der Ohnmacht dauerhaft behebt. Zumal sie stets das Risiko anhaltender Handelskonflikte beinhalten, also das Gegenteil von Stabilität und Kontrolle.
Effektiver könnten gezieltere industriepolitische Maßnahmen sein, mit denen bedrohte Regionen frühzeitig vor den Folgen solcher Schock bewahrt und neue Perspektiven geschaffen werden. Darauf zielten auch wesentliche Teile der Wirtschaftspolitik von US-Präsident Joe Biden in den Jahren bis 2024 ab. Mit dem Inflation Reduction Act sollten gezielt Investitionen in die geschwächten Regionen gelenkt werden. Dies führte tatsächlich zu mehr Wirtschaftsleistung und einem Rekord an Beschäftigung. Wie Auswertungen von Populismusforscher Robert Gold zeigen, blieb allerdings der erwartbare Effekt erst einmal aus, dass Wähler und Wählerinnen deshalb auch weniger stark für Donald Trump stimmten.
Auf Dauer könnte eine besser gemanagte Globalisierung helfen, in der Regierungen Industriepolitik machen dürfen, dies aber durch einen neuen Konsens über die Regeln dafür gedeckt wird – auch um das Gefühl von Ohnmacht zu beheben und Populisten zu bremsen.
1 Acemoglu, D., Autor, D., Dorn, D., Hanson, G. H., & Price, B. (2016). Import competition and the great US employment sag of the 2000s. Journal of labor economics, 34(S1), S141-S198.
2 Autor, D. H., Dorn, D., & Hanson, G. H. (2013). The China syndrome: Local labor market effects of import competition in the United States. American economic review, 103(6), 2121-2168.
3 Colantone, I., & Stanig, P. (2018). Global competition and Brexit. American political science review, 112(2), 201-218.
4 Malgouyres, C. (2017). Trade shocks and far-right voting: Evidence from French presidential elections. Robert Schuman Centre for Advanced Studies Research Paper No. RSCAS, 21.
5 Dippel, C., Gold, R., Heblich, S., & Pinto, R. (2017). Instrumental variables and causal mechanisms: Unpacking the effect of trade on workers and voters (No. w23209). National Bureau of Economic Research.
Auf den ersten Blick eher überraschend scheint der Befund, dass Finanzkrisen und Bankencrashs zu höheren Sympathiewerten für Populisten führen. Genau das lässt aber unter anderem die große Finanzkrise von 2008 vermuten.
Die prominenteste Studie dazu stammt von den Ökonomen Manuel Funke, Moritz Schularick und Christoph Trebesch. In einer Auswertung von Finanzkrisen der vergangenen 140 Jahre zeigen sie, dass solche Crashs die gesellschaftliche Polarisierung verstärken. Besonders rechtsextreme Parteien profitieren dabei: Im Durchschnitt stiegen deren Stimmenanteile nach Finanzkrisen um 30 Prozent. Dabei scheinen Bankenkrisen auf besondere Art jenen Unmut zu verstärken, der Menschen zur Wahl politischer Extreme bringt. „Klassische“ Rezessionen oder makroökonomische Schocks, die nicht finanzieller Natur waren, lösten den Auswertungen zufolge keinen solchen Anstieg aus1.
Zu ähnlichen Ergebnissen kamen Yann Algan und Ko-Autoren in ihrer Untersuchung der Finanzkrise 2008. Durch Auswertung von Daten aus 26 europäischen Ländern zeigen die Forscher, dass die Krise nicht nur zu deutlich mehr Arbeitslosigkeit führte, sondern populistische Parteien dadurch auch einen signifikanten Zulauf erhielten. Stieg durch den Schock die Arbeitslosigkeit um einen Prozentpunkt, ging dies mit einem Stimmengewinn für Anti-Establishment-Parteien um 2 bis 4 Prozentpunkte einher2.
Erklärbar ist der Zusammenhang in jedem Fall: wie einige der anderen wichtigen Faktoren verstärken auch Bankenkrisen das Gefühl eines Kontrollverlusts, das in Zeiten mangelhaft gemanagter Globalisierung ohnehin präsent ist. Für das Narrativ von Populisten taugt ohnehin auch die Tatsache, dass in solchen Krisen Banken mit viel Geld gerettet werden – während der „Normalbürger“ Kosten und Arbeitslosigkeit trägt.
Dazu kommt, dass etwa verschuldete Haushalte während Bankenkrisen besonders belastet werden. Auch das nutzen Populisten aus. In Ungarn sprachen sich populistische Parteien nach der Finanzkrise 2008 für schuldenfreundliche Richtlinien und gegen „die Elite“, „die Banker“ und den „internationalen Finanzkapitalismus“ aus – eine Strategie, mit der sie einen deutlichen Stimmenzuwachs verzeichnen konnten3.
Politische Implikationen
Bankenkrisen zu vermeiden, ist immer gut – ob aus wirtschaftlichen, sozialen oder eben aus politischen Gründen: um als Spätfolge mit erstarkenden Populisten auskommen zu müssen. Ökonomen fordern vor diesem Hintergrund sowohl präventive als auch reaktive Maßnahmen. Moritz Schularick und Yann Algan befürworten ganz grundsätzlich daher langfristige Investitionen in Forschung, Innovation und öffentliche Infrastruktur, um so ökonomische Stabilität zu fördern. Kommt es dennoch zu Bankenkrisen, brauche es (europaweite) antizyklische fiskalpolitische Maßnahmen und eine gezielte Unterstützung geringer qualifizierter Arbeitskräfte, um den Erfolg von Populisten zu verhindern. Eine weitere wahlpolitische Konsequenz könnte darin liegen, bei der Rettung von Banken viel stärker dafür zu sorgen, dass auch Nicht-Banker vor den Folgen so einer Krise geschützt werden.
1 Funke, M., Schularick, M., & Trebesch, C. (2016). Going to extremes: Politics after financial crises, 1870–2014. European Economic Review, 88, 227-260.
2 Algan, Y., Guriev, S., Papaioannou, E., & Passari, E. (2017). The European trust crisis and the rise of populism. Brookings papers on economic activity, 2017(2), 309-400.
3 Gyöngyösi, G., & Verner, E. (2022). Financial crisis, creditor‐debtor conflict, and populism. The Journal of Finance, 77(4), 2471-2523.
Für die AfD stimmen Leute in reichen Regionen wie in ärmeren. Heißt es oft, um zu argumentieren, dass das Wahlverhalten mit wirtschaftlicher und sozialer Ungleichheit nichts zu tun hat. In Wirklichkeit zeigen Studien, dass es einen klaren Zusammenhang gibt. Zwar werden Populisten in der Tat nicht nur in ärmeren Regionen gewählt. Auch scheint der absolute Abstand zwischen Einkommen oder Vermögen nicht entscheidend zu sein. Vor allem eine Verschärfung von Ungleichheit führt aber durchaus dazu, dass mehr Menschen Populisten wählen.
Eine Auswertung von EU-Daten zeigt, dass es den Stimmenanteil rechtsextremer Parteien im Schnitt um 4,8 Prozentpunkte höher ausfallen ließ, wenn zuvor die Einkommen der obersten zehn Prozent der Einkommensbezieher deutlich – um statistisch ausgedrückt; eine Standardabweichung – gestiegen sind1. Diese Ergebnisse wurden bei Untersuchungen der OECD-Länder bestätigt: Auch hier folgt wachsender Einkommensungleichheit regelmäßig eine höhere Zustimmung für rechtsextreme Parteien. Allerdings sind tatsächliche monetäre Abstände zwischen Einkommen nicht das treibende Motiv hinter diesem Effekt.
Zwar bestätigt sich in Wahlauswertungen immer wieder, dass die Zustimmung zu rechtspopulistischen Parteien unter Arbeitern inzwischen drastisch höher ist als im Schnitt der Bevölkerung. Das lässt darauf schließen, dass die sozialen Verhältnisse definitiv eine Rolle spielen.
Tiefergehende Untersuchungen zu den Beweggründen zeigen indes: höhere Einkommensungleichheit wirkt in erster Linie darüber verstärkend auf die Wahl von Populisten, dass sie die Angst vor sozialem Abstieg antreibt2. Dies bestätigt auch den Befund, dass individuell die Sorge vor Kontrollverlust und Ohnmacht bei vielen entscheidend dazu beiträgt, auf Populisten und ihre Rhetorik der Rückgewinnung von Kontrolle zu setzen – „take back control“, wie es als Slogan der Brexit-Kampagne Erfolg hatte. Ein weiterer Effekt, der in Studien bestätigt wurde: Einkommensungleichheit senkt das Vertrauen in politische Eliten – und führt dazu, stärker auf Nationalstolz zu setzen1.
Politische Implikationen
Welche Maßnahmen eignen sich, um diesen Effekt einzudämmen? Eine Option scheinen auf Anhieb Umverteilungsmaßnahmen, wie eine progressive Verbrauchsteuer2 oder höhere Steuern auf hohe Einkommen und Vermögen. Wenn Ungleichheit in erster Linie über die dadurch bestärkte Angst vor Statusverlust und Abstieg auf das Wahlverhalten wirkt, dürften solche steuerpolitischen Maßnahmen allerdings allein nicht viel bringen. Selbst eine höhere Besteuerung der oberen Einkommen würde per se erstmal nichts an den Ängsten jener ändern, die den eigenen Abstieg fürchten. Dann kommt es viel mehr auf all jene Maßnahmen an, die dazu beitragen könnten, das Gefühl von Ohnmacht zu beheben.
Dies ließe sich etwa dadurch anstreben, dass vermeintlich abgehängten Bevölkerungsgruppen sehr viel aktiver neue Perspektiven geschaffen werden. Zu den moderneren Politiken, die auch Populismus bremsen könnten, kann daher auch eine pro-aktive Regionalpolitik gezählt werden, mit der bei drohenden Umbrüchen schon früh neue Industrien angelockt werden und Beschäftigte so aktiv zu neuen Jobs verholfen wird. Dazu zählt auch ganz grundsätzlich eine aktivere Industriepolitik, die jene Folgen von Technologie- und Globalisierungsschocks aufzufangen versucht, die sich ansonsten durch die reinen Marktkräfte ergeben – und Menschen aus Frust in die Arme der Populisten treibt3.
1 Pástor, Ľ., & Veronesi, P. (2021). Inequality aversion, populism, and the backlash against globalization. The Journal of Finance, 76(6), 2857-2906.
2 Engler, S., & Weisstanner, D. (2021). The threat of social decline: income inequality and radical right support. Journal of European Public Policy, 28(2), 153-173.
3 Gold, R. (2022, February). From a better understanding of the drivers of populism to a new political agenda. In Forum for a New Economy, WP (No. 4).
Dass Manipulation und Tonfall in den sozialen Medien vor allem Populisten zugute kommt – darauf deutet eine wachsende empirische Forschung hin. Das gilt nicht nur für Donald Trump oder Elon Musk, die diese Medien aktiv zu eigenen Zwecken nutzen. Dieser Effekt spiegelt allerdings vor allem, wie Populisten Verstärkungsmechanismen nutzen – und über Demagogie in entsprechenden Kanälen Wähler oder Sympathisanten gewinnen. Ob Soziale Medien per se als originäre Ursache für die Populismuswelle der vergangenen Jahre eingestuft werden können, ist weniger klar.
Eine prominente Metastudie von Ekaterina Zhuravskaya und Ko-Autoren zeigt, dass soziale Medien im Vergleich zu anderen Kommunikationstechnologien verschiedene Eigenschaften besitzen, die Populismus befördern. Zum einen erscheinen populistische Argumente gegen „die da oben“ auf Online-Plattformen glaubwürdiger als in anderen Medien. Zum anderen schaffen soziale Medien über ihre Algorithmen eigene Blasen, die politische Einstellungen von Usern bestätigen und das „wir -gegen-die-Gefühl“ stärken1.
Darüber hinaus erleichtern mangelnde Regularien die Verbreitung von Fake-News, wovon Populisten besonders profitieren: Während der US-Präsidentschaftswahl 2016 wurden 30 Millionen Falschnachrichten geteilt, die Donald Trump positiv darstellten, während Hillary Clinton in 8 Millionen Falschnachrichten positiv dargestellt wurde2.
Die verbreitete Nutzung sozialer Medien hat demnach direkte politische Auswirkungen. In Italien führte der erweiterte Internetzugang nach 2008 beispielsweise zu einer nachweislich höheren Zustimmung der populistischen 5-Sterne-Bewegung3. Der renommierte Populismusforscher Sergej Guriev bestätigt diesen Zusammenhang in einer Auswertung von Daten aus 33 europäischen Demokratien zwischen 2007 und 2018. Danach hat die Verbreitung von 3G-Internetzugang den Stimmenanteil von rechtspopulistischen Parteien in diesem Zeitraum um 4,6 Prozentpunkte erhöht4.
Viel spricht zudem dafür, dass die Vervielfachung von Medien per se den gefühlten Kontrollverlust eher verstärkt als verringert.
Politische Implikationen
Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung werden Falschnachrichten nach wie vor zu einem Großteil von Menschen verbreitet. Um den Erfolg populistischer Parteien auf Social Media zu begrenzen, dürften technische Lösungen daher unzureichend sein. Stattdessen müssen verifizierte Informationen klar gekennzeichnet und Anreize geschaffen werden, die von einem Verbreiten von Falschnachrichten abhalten5. Ein Beitrag zum Abbau populistischer Reflexe könnte sein, soziale Plattformen dazu zu verpflichten, umfassende Kontrollen von geposteten Inhalten einzuführen2.
Ganz grundsätzlich könnten sich Lösungen des Problems auch aus einem neuen Verständnis von Technologie-Politik ergeben, wie sie Nobelpreisträger Daron Acemoglu nahelegt – und bei der die Richtung von Innovation weniger Marktkräften und Konzernen überlassen und mehr als bislang gesellschaftlich und demokratisch bestimmt wird.
1 Zhuravskaya, E., Petrova, M., & Enikolopov, R. (2020). Political effects of the internet and social media. Annual review of economics, 12(1), 415-438.
2 Allcott, H., & Gentzkow, M. (2017). Social media and fake news in the 2016 election. Journal of economic perspectives, 31(2), 211-236.
3 Campante, F., Durante, R., & Sobbrio, F. (2018). Politics 2.0: The multifaceted effect of broadband internet on political participation. Journal of the European Economic Association, 16(4), 1094-1136.
4 Guriev, S., Melnikov, N., & Zhuravskaya, E. (2021). 3g internet and confidence in government. The Quarterly Journal of Economics, 136(4), 2533-2613.
5 Vosoughi, S., Roy, D., & Aral, S. (2018). The spread of true and false news online. science, 359(6380), 1146-1151.
Wenn Ängste vor Kontrollverlust dazu beitragen, dass Menschen großspurig auftretende Populisten wählen, dann spricht viel dafür, dass das auch der Fall ist, wenn es um Ängste vor neuen Technologien geht – allen voran seit Kurzem bei jenen, die durch Künstliche Intelligenz und entsprechende Ängste vor dem Verlust menschlicher Autonomie ausgelöst werden.
Dazu kommt eine alte Sorge: dass neue Technologien auch steigende Arbeitslosigkeit mit sich bringen – was umstritten ist, da neue Technologien immer auch neue Potenziale schaffen. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Daron Acemoglu zeigte 2017 in einer viel beachteten Studie allerdings auch eindrucksvoll, dass der Einsatz von Industrierobotern die Arbeitslosenquote in den USA nachweislich erhöht1.
Seitdem mehren sich die Belege dafür, dass Technologisierung und Automatisierung auch Populismus fördern. So hatte die zunehmende Automatisierung einen nachweislichen Effekt auf die US-Präsidentschaftswahlen 2016. Carl Frey, Thor Berger und Chinchih Chen zeigen, dass in jenen Staaten überproportional für Donald Trump gestimmt wurde, deren Wirtschaftsleistung stärker automatisiert wurde als anderswo in den USA. Den statistischen Auswertungen zufolge hätten Republikaner US-Staaten wie Wisconsin, Michigan oder Pennsylvania – und damit die Wahl – verloren, wenn die Automatisierung in diesen Staaten um 25 Prozent niedriger gewesen wäre2.
Ähnliche Effekte finden sich in Europa. In einer Langzeitanalyse für westeuropäische Länder zeigen die Wirtschaftswissenschaftler Massimo Anelli, Italo Colantone und Piero Stanig, dass Individuen, die der Automatisierung stärker ausgesetzt sind, eher dazu neigen, nationalistische und rechtsradikale Parteien zu wählen3. Automatisierung verleitet dabei vor allem solche Individuen zur Wahl rechtsradikaler Parteien, die unter ökonomisch prekären Bedingungen leben4.
Ein Sonderfall könnte dabei die Künstliche Intelligenz sein. Welche Effekte die rasante Verbreitung von künstlicher Intelligenz auf den Arbeitsmarkt hat, ist noch unzureichend erforscht. Der Ökonom Armin Granulo zeigt allerdings, dass die Mehrheit der Europäer KI schon jetzt als arbeitsplatzgefährdend einstuft. Diese Wahrnehmung hat, unabhängig von den tatsächlichen Auswirkungen, politische Auswirkungen: Die Evaluation zweier repräsentativer Experimente zeigt, dass die Einstufung von KI als arbeitsplatzgefährdend mit einem schwindenden Vertrauen in demokratische Institutionen einhergeht5.
Wirtschaftsnobelpreisträger Daron Acemoglu stellt in einem neuen Paper die These auf, dass die zunehmende Nutzung von KI die Wahrscheinlichkeit staatlicher Unterdrückung erhöht. Zunehmende Automatisierung erhöhe die Ungleichheit, was wiederum den Unmut der Bevölkerung und die Wahrscheinlichkeit von gesellschaftlichem Widerstand erhöht. Um dem zu begegnen, könnten Regierungen entweder staatliche Umverteilungs- oder Unterdrückungsmaßnahmen einsetzen6. Solche staatlichen Reaktionen auf Automatisierung und KI würden Populisten dann weiteren Aufwind geben.
Politische Implikationen
Wenn neue Technologien bestimmte Bevölkerungsgruppen – wie etwa geringer Qualifizierte – besonders negativ treffen, läge nahe, dem entsprechenden Unmut durch finanzielle Umverteilung zu begegnen. Ein positiver Effekt von Umverteilung auf das Wahlverhalten wurde empirisch bisher allerdings nur bedingt belegt. Ein möglicher Grund ist, dass die zunehmende Automatisierung nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch den damit verbundenen sozialen Status von Individuen gefährdet – ein Verlust, der mit Ausgleichszahlungen allein nur schwer kompensierbar ist7.
Trifft diese Diagnose zu, müssen politische Reaktionen darauf abzielen, die Verlierer von zunehmender Automatisierung und KI nicht nur reaktiv, sondern auch präventiv zu schützen. Grundsätzlich plädieren Ökonomen wie Acemoglu seit geraumer Zeit dafür, den technologischen Wandel ohnehin viel weniger den reinen Marktkräften zu überlassen. Historisch gebe es etliche Beispiele dafür, dass große technologische Neuerungen eben nicht spontan in der Wirtschaft entstehen, sondern Folge staatlicher Politik sind, in der Geschichte oft militärisch motiviert. Eine neue Technologiepolitik könnte daher viel stärker dirigieren und gesellschaftlich mitbestimmen, welche Technologie akzeptiert und gewünscht wird (directed technology). Ultimativ könnte ein solcher grundlegender Prinzipienwandel dann auch ein Mittel gegen den gefühlten Kontrollverlust sein – und gegen das verbreitete Gefühl wirken, dass die Menschen technologischen Schocks hilflos ausgesetzt sind.
1 Acemoglu, D., & Restrepo, P. (2020). Robots and jobs: Evidence from US labor markets. Journal of political economy, 128(6), 2188-2244.
2 Frey, C. B., Berger, T., & Chen, C. (2018). Political machinery: did robots swing the 2016 US presidential election?. Oxford Review of Economic Policy, 34(3), 418-442.
3 Anelli, M., Colantone, I., & Stanig, P. (2019). We were the robots: Automation and voting behavior in western europe (No. 17/19). CReAM Discussion Paper Series.
4 Im, Z. J., Mayer, N., Palier, B., & Rovny, J. (2019). The “losers of automation”: A reservoir of votes for the radical right?. Research & Politics, 6(1), 2053168018822395.
5 Granulo, A., Raff, A., & Fuchs, C. (2026). Perceiving AI as labor-replacing reduces democratic legitimacy and political engagement. Proceedings of the National Academy of Sciences, 123(4), e2523508123.
6 Acemoglu, D., Gitmez, A. A., & Shadmehr, M. (2026). Automation and Repression (No. w35336). National Bureau of Economic Research.
7 Gingrich, J. (2019). Did state responses to automation matter for voters?. Research & Politics, 6(1), 2053168019832745.
In der Berliner Polit-Blase galt über lange Zeit, dass die Flüchtlingskrise von 2015 erst zum Aufstieg der AfD geführt habe. Richtig belastbare Belege dafür gab es allerdings nie – zumal Rechtspopulisten ja auch in vielen anderen Ländern seitdem teils noch stärkeren Zuwachs bekommen haben, obwohl es dort kein „2015“ gab. Entsprechend groß war denn auch die Ernüchterung, als 2026 die AfD trotz deutlich verschärfter Asylgesetze und rückläufiger Zuwanderung weiter an Zustimmung gewann.
Das heißt nicht, dass Migration nicht auch zu gefühlter Ohnmacht und Kontrollverlust beitragen können. Der Zusammenhang zwischen Migration und dem Stimmengewinn populistischer und rechtsextremer Parteien scheint nach Stand der inzwischen ausgiebigen Forschung nur keineswegs so eindeutig.
Einerseits finden sich Belege für einen positiven Zusammenhang. Die Ökonomen Guglielmo Barone und Martin Halla zeigen, dass rechtsextreme Parteien wie die Forza Italia oder die FPÖ mehr Stimmen gewinnen konnten, wenn Gemeinden mehr Migration ausgesetzt waren1,2. Thiemo Fetzer fand empirische Evidenz dafür, dass zunehmende Migration den Stimmenanteil der UKIP-Partei in Großbritannien erhöhte3.
Andererseits gibt es aber auch etliche Belege für einen negativen Zusammenhang: so zeigten die Forscher Andreas Steinmayr, Paul Vertier und Max Viskanic, dass eine höhere Zuwanderung den Stimmenanteil populistischer österreichischer beziehungsweise französischer Parteien sogar verringerte4,5. Lonsky konkretisiert diesen Effekt für Finnland: Ein einprozentiger Zuwachs von Migranten ging hier mit einer Reduzierung von populistischen Wahlstimmen um 3,4 Prozentpunkten einher6.
Die Gegensätzlichkeit dieser Studien zeigt: Die Beziehung zwischen Migration und Populismus ist komplex und hängt von verschiedenen Faktoren ab. Die Anzahl der Migranten, ihre Qualifikation oder auch die Frage, ob sie nur durchreisen oder langfristig bleiben – all diese Variablen scheinen einen Einfluss darauf zu haben, ob Populisten von Migration profitieren7. Auch fällt auf, dass etwa in Deutschland in jenen Regionen überdurchschnittlich für Rechtspopulisten gewählt wird, in denen der Anteil von Migranten in der Bevölkerung eher niedrig ist – und umgekehrt eher niedrig, wo es in der Vergangenheit viel Migration gab. Gäbe es einen direkten Zusammenhang, wäre auch schwer zu erklären, warum trotz rückläufiger Zuwanderung die Zustimmung für Rechte weiter zunimmt. Das lässt zumindest darauf schließen, dass es andere, gegebenenfalls stärkere Einflussfaktoren gibt.
Politische Implikationen
Der uneindeutige Effekt von Migration auf die Wahlentscheidungen zugunsten populistischer Kräfte erschwert politische Handlungsempfehlungen. Nähere Untersuchungen etwa zur oft hervorgehobenen restriktiveren Migrationspolitik in Dänemark zeigen, dass diese Nachahmung rechter Politik zwar kurzfristig zu Wahlerfolgen der Sozialdemokraten gegen Rechtspopulisten beigetragen haben. In Summer ist der Anteil der Stimmen seither aber gar nicht gesunken, die in Dänemark auf rechtnationale und rechtsextreme Parteien entfallen.
Erschwerend dürfte hier wirken, dass Menschen den Umfang von Migration systematisch überbewerten. In den USA wurde der Anteil von Migranten in Umfragen auf 35 Prozent geschätzt – faktisch lag er bei nur 10 Prozent. Auch andere Faktoren wie der Bildungsgrad von Migranten werden kontinuierlich falsch bewertet: 2019 schätzen befragte Briten in einer Umfrage, dass nur rund 25 Prozent der Migranten über einen Hochschulabschluss verfügen – tatsächlich waren es 50 Prozent8.
Der britische Ökonom Paul Collier empfahl 2025 eine pro-aktive Migrationspolitik, die bewusst auch die Sorgen der lokalen Bevölkerung adressiert – etwa durch gezielte Investitionen und Geldflüsse in Regionen, in denen es zu besonders starker Migration gekommen ist.
Zugleich dürfte das populistische Narrativ von der Entfremdung allerdings auch seine eigene Wirkung entfalten – unabhängig von tatsächlichen Effekten. Entsprechend wichtig dürften Gegennarrative sein, die auf den Abbau gezielt geschürter Ängste setzt – ohne berechtigte Sorgen kleinzureden.
1 Barone, G., D’Ignazio, A., De Blasio, G., & Naticchioni, P. (2016). Mr. Rossi, Mr. Hu and politics. The role of immigration in shaping natives‘ voting behavior. Journal of Public Economics, 136, 1-13.
2 Halla, M., Wagner, A. F., & Zweimüller, J. (2012). Does immigration into their neighborhoods incline voters toward the extreme right? The case of the Freedom Party of Austria.
3 Becker, S. O., & Fetzer, T. (2016). Does migration cause extreme voting. Center for Competitive Advantage in the Global Economy and The Economic & Social Research Council, 1-54.
4 Steinmayr, A. (2021). Contact versus exposure: Refugee presence and voting for the far right. Review of Economics and Statistics, 103(2), 310-327.
5 Vertier, P., Viskanic, M., & Gamalerio, M. (2023). Dismantling the “Jungle”: Migrant relocation and extreme voting in France. Political Science Research and Methods, 11(1), 129-143.
6 Lonsky, J. (2021). Does immigration decrease far-right popularity? Evidence from Finnish municipalities. Journal of Population Economics, 34(1), 97-139.
7 Guriev, S., & Papaioannou, E. (2022). The political economy of populism. Journal of Economic literature, 60(3), 753-832.
8 Alesina, A., Miano, A., & Stantcheva, S. (2023). Immigration and redistribution. The Review of Economic Studies, 90(1), 1-39.



