• Wenn gut gemeinte Politik die Demokratie erst recht gefährdet

    Die Dramatik nahender Wahlerfolge von Populisten und Autoritären steht in erschreckendem Widerspruch zur Leichtfertigkeit, mit der bei uns über die Ursachen gemutmaßt wird. Zeit für einen empirisch fundierten Reality-Check, was den Unmut der Menschen wirklich treibt – und was ihn beheben kann. Eine Agenda für die nächste Zeit.

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Mission resumed

Das Forum New Economy in der New Paradigm Alliance

Was braucht es für ein neues wirtschaftliches Paradigma zur Lösung der großen Krisen unserer Zeit? Darauf Antworten zu finden, dazu hat das Forum New Economy von 2019 bis 2026 unter dem Dach der European Climate Foundation beigetragen – als gemeinsames Projekt diverser Initiatoren. Jetzt wird die Idee und Mission fortgesetzt – in neuem Setting: in der gerade gestarteten New Paradigm Alliance, einem Zusammenschluss mit der Global Solutions Initiative.

Alles, was das Forum von 2019 bis 2026 hervorgebracht hat, finden Sie weiterhin hier.

Reality-check
Wann Populisten gewinnen – und welche Politik wirklich gegen Unmut hilft

Warum wählen Menschen Populisten und Autoritäre? Angst vor Migranten oder vor Inflation? Umbrüche oder Mangel an irgendwelchen Reformen?

Eine exklusive Auswertung zum Stand der Forschung, was wirklich hinter Wut und Unmut in Deutschland und anderswo steckt – und was nicht.

Zur Auswertung

  • Inflationsschocks – der unterschätzte Unmutsfaktor

    Wenn es einen größeren Zustrom von Menschen nach Deutschland gibt, wählen mehr Leute extreme Parteien. Heißt es. In Wirklichkeit fällt bei näherem Hinsehen ein anderer Zusammenhang sehr viel deutlicher auf: stark zugenommen hat die Zustimmung zu Populisten, wenn die Inflation hoch ist.

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  • Lehren aus der Trump-Wahl – ein Interview auf Ursachensuche

    Ist aktive Regionalpolitik der Schlüssel zur Bekämpfung des wachsenden Populismus? Der Ökonom Robert Gold erklärt, warum Regionalförderung in den USA (noch) keine messbaren Effekte erzielt, wie Regionalpolitik gestaltet werden muss, um das zu ändern – und welche Rolle Kontrollverlust und Vertrauen dabei spielen.

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  • Wo bleibt die New Economy? Versuch eines Zwischenstopps

    Seit dem Kollaps des marktliberalen Dogmas vor fast 20 Jahren suchen innovative Denker und Denkerinnen nach passenderen Antworten auf die Probleme der Zeit. Daraus ist inzwischen ein Konsens über Ziele und Prinzipien gewachsen – trotz aller Abwehrkämpfe wiedererstarkter Marktradikaler und Ordo-Nostalgiker.

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Unser Update zu neuen Ideen gegen die Krisen unserer Zeit – alle 14 Tage

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New Economy in the making

Trotz aller Marktnostalgie: ein neues Paradigma gewinnt an Konturen – ein Zwischenstopp.

Jenseits von Trump’schen Handelskriegen oder deutscher Marktnostalgie haben sich in den vergangenen Jahren die Konturen eines neues Paradigmas entwickelt, das weit besser auf die großen Herausforderungen der Zeit passt. Zu den neuen Zielen und Prinzipien gibt es unter innovativen Forschern und Denkerinnen inzwischen Konsens – ob zur Dringlichkeit, gegen Ungleichheit, Klimawandel oder Globalisierungs- und KI-Schocks neue Politik zu entwerfen, oder zur Neudefinition der Rolle des Staates. Das voranzutreiben, könnte wichtig werden, wenn für die Menschen zunehmend spürbar wird, wie wenig eine wiederbelebte marktliberale Politik oder lautes nationales Gepolter an ihren wirklichen Problemen ändern. Versuch eines Zwischenstopps.


  • Amerikas Präsident setzt auf Zolldrohungen, der Staatschef von Argentinien auf radikale Kürzungen beim Staat, und in Deutschland scheint plötzlich wie einst zu Agenda-2010-Zeiten wieder zu gelten, dass nur mehr gearbeitet werden müsse, um die Probleme der Zeit zu lösen. All das wirkt nicht so, als hätte sich knapp 20 Jahre nach der großen Finanzkrise so etwas wie ein neues wirtschaftspolitisches Paradigma entwickelt, mit dem die Lehren aus dem Kollaps des damals noch dominierenden Marktliberalismus gezogen werden. Das erscheint erstaunlich, wo es seit Jahren ganze Wellen an neuer Forschung gibt und gab, die jene ganz neuen Herausforderungen dieser Zeit ganz offenbar besser angehen, als es über die pure Hoffnung gelingen wird, marktliberale Reformen oder Mehrarbeit könnten gegen zunehmend schwer nachvollziehbare Ungleichheit, die Risiken von KI, den Klimawandel oder die staatlich subventionierte Billigkonkurrenz aus China helfen.

    Klar, gibt es noch kein fertiges neues Leitbild für die neue Zeit. Dafür sind viele Fragen auch noch offen. Anders als vor ein paar Jahren hat sich inzwischen nur etwas herauskristallisiert: ein weitgehender Konsens über die Ziele, die das neue Paradigma ausmachen. Anders als im marktliberalen Zeitalter geht es nicht nur um wirtschaftliche Effizienz und Wachstum. Damit lassen sich weder Klimawandel, noch Ungleichheit per se beheben – und offenbar auch nicht der fatale Hang, auf Autoritäre und Populisten zu setzen. Dass es um eine neue Rollenverteilung zwischen Markt und Konzernen einerseits sowie Politik und Gemeinschaft geht, gehört ebenso zum neuen Verständnis, wie das Prä, dass es ohne positive Anreize in der Klimapolitik und aktiverem Gegensteuern gegen die Übermacht einiger Ultrareicher keinen dauerhaften Wohlstand gibt.

    Hinter solchen Zielen und Grundsätzen standen bisher vor allem die großen Vordenker und Vordenkerinnen der New Economy in ihren jeweiligen Spezialgebieten. Das gilt für Thomas Piketty, Gabriel Zucman und Branko Milanovic, die dazu beigetragen haben, dass die drastische Ungleichheit statistisch überhaupt erst erfasst und analyisiert werden konnte. Das gilt für Mariana Mazzucato, die in etablierten Ökonomie-Kreisen gern verspottet wird, aber doch spektakuläre Einsichten zur tatsächlichen strategischen Rolle von Regierungen gebracht hat – und damit Konzepte wie die Idee einer missionsorientierten Politik jenseits des naiven Glaubens daran, dass die Märkte schon immer die Entscheidungen treffen, die auch für die Menschen gut sind.

    Das gilt auch für etliche andere: für Dani Rodrik und seine frühe Kritik an einer schlecht gemanagten Globalisierung – und seine Konzepte einer modernen Industriepolitik oder die Wichtigkeit, auf „gute Arbeit“ zu setzen, statt nur auf Effizienz; oder für Nobelpreisträger Daron Acemoglu und Simon Johnson, die historisch aufgearbeitet haben, wie sehr Regierungen bei großen Innovationen stets mitgewirkt haben – anders als es das Dogma von der marktliberalen Technologie-Offenheit vermuten ließe.

    All das vereint längst nicht mehr nur die vermeintlich üblichen Verdächtigen. Wie sehr der Konsens über die neuen Ziele und Prinzipien reicht, kam etwa in der Berlin Declaration zum Ausdruck, die das Forum New Economy im Frühjahr 2024 initiierte. Zu den Unterzeichnern und Unterzeichnerinnen zählten auch Nobelpreisträger Angus Deaton und der frühere IWF-Chefökonom Olivier Blanchard, ebenso wie Aspen-Chefin Annika Mildner Storm, die vor ein paar Jahren Teil einer Ökonomengruppe der G7 zum Ausloten neuer Ansätze war.

    Im Jahr darauf folgte – initiiert an der renommierten London School of Economics – ein Band namens „London Consensus“ – ein weiteres Beispiel, das zusammenzubringen, was das neue Denken ausmacht. Die spanische Regierung brachte wiederum international führende neue Denker und neue Denkerinnen wie Mariana Mazzucato und Isabella Weber zusammen. Die Liste ließe sich um etliches verlängern. Quintessenz: aus dem disparaten Versuch spezialisierter Fachleute, neue Antworten auf Teilprobleme zu finden, ist inzwischen ein ziemlich robuster Rahmen neuer Grundsätze und Ziele geworden.

    Und: dass all das nicht nur akademische Übungen sind, lässt sich inzwischen auch an etlichen praktischen Beispielen messen. Was US-Präsident Joe Biden bis 2024 wirtschaftspolitisch aufgesetzt hat (Stichwort IRA), basierte stark auf Grundsätzen, wie sie die Vordenker des neuen Paradigmas entworfen haben, ebenso wie der Green Deal der EU – oder Versuche, in Deutschland das Auseinanderdriften von Einkommen über jeweils höhere Mindestlöhne umzukehren (mit Erfolg). Dazu gehört auch das, was 2025 in Deutschland zur Reform der Schuldenbremse geführt hat. Zwar regt sich dagegen immer wieder Widerstand. Dass umgekehrt das haushälterische Dogma von der Schwarzen Null vorzuziehen wäre, das so fatale Folgen für die Ausstattung von Schulen, Straßen und Bahnen hatte, würde kaum einer mehr behaupten. Auch das ein Paradigmenwechsel. Wer in die Zukunft investiert, erreicht das eben nicht mit Abbau

    Wie weit auch bei den Menschen die Notwenigkeit des Neuen schon angekommen ist, zeigen etliche Umfragen: es gibt große Mehrheiten, die der Aussage zustimmen, wonach das heutige Auseinanderdriften von Vermögen nicht mehr mit Unterschieden in der Leistungsfähigkeit vereinbar ist – selbst innerhalb der Wählerschaft von CDU und FDP findet das nur noch eine Minderheit. Ein wahrer Wandel. In Frankreich gab es 2025 erstmals eine Mehrheit in der Nationalversammlung für eine höhere Vermögensteuer, wie sie Gabriel Zucman vorgeschlagen hat; sie scheiterte erst im Senat. Auch das wäre ein paar Jahre zuvor nicht denkbar gewesen.

    Bliebe umso mehr die Frage, warum die neuen Ziele und Grundsätze nicht viel stärker noch in praktische Politik eingegangen sind – warum es das neue Paradigma dort noch so wenig zu geben scheint. Ein Grund dürfte sein, dass es jenseits des zunehmenden Konsens zu Prinzipien und Zielen noch nicht wirklich umfassend belastbare praktische Handlungsanweisungen gibt. Dem Konsens, dass etwas gegen die Ungleichheit getan werden muss, stehen noch etliche offene Fragen gegenüber, was die genauen Mittel angeht. Eine simple Reichensteuer würde die Ärmeren noch nicht reicher machen und die Ungleichheit nicht wesentlich abbauen. Mehr verspräche eine Art Startkapital von 30.000 oder mehr Euro für jeden Anfang-Zwanzig-Jährigen – wie genau das verteilt und Missbrauch vermieden werden könnte, ist nur längst noch nicht ausgeforscht. Auch was die beste Klimapolitik ist, ist nicht so klar – nur dass das plumpe Erhöhen von Abgaben nicht optimal oder sogar kontraproduktiv wirkt, scheint immer klarer.

    Wenn das stimmt, bewahrheitet sich auch eine These, die unter den Neuen Denkern schon früh kursierte – und eine Startannahme der Arbeit des Forum New Economy in früherer Phase war: dass der Aufstieg der Populisten und Autoritären seit etwa 2015 viel mit dem Niedergang des marktliberalen Paradigmas zu tun hat – und damit, dass nach der großen Sinnkrise der Marktliberalen eben kein fertiges neues Paradigma parat war, nicht mal ein Konsens über neue Ziele und Prinzipien, wie es ihn inzwischen gibt. Dann haben die Populisten schlicht das Vakuum besetzt mit ihren scheinbar simplen, aber meist wenig effektiven Mitteln. Dann wird es ein Ende der gefährlichen großen Welle an Autoritarismus erst geben, wenn die Menschen von dem überzeugt sind, was ein neues Paradigma mit sich bringt für die tatsächliche Lösung der Probleme der Zeit.

    Das könnte nicht nur Wahl und Wiederwahl von Donald Trump oder den einstigen Erfolg der Brexit-Kampagne erklären. Es könnte auch erklären, warum etwa in Deutschland auf viel moderatere Art mangels ausgereifter neuer Ideen die plumpe Ökonomie der 1990er- und 2000er-Jahre ein Revival erlebt. Wer keine neuen Ideen hat, greift reflexartig auf Altbewährtes zurück – mit der fatalen Nebenfolge, dass das gar nicht so bewährt war und erst recht nicht ist.

    Für die nächsten Etappen hin zu einem wirklich besseren neuen Paradigma könnte genau hier auch eine Chance liegen. Es braucht nicht viel Grips, um zu erkennen, dass es natürlich wenig hilft mehr zu arbeiten, wie es der deutsche Bundeskanzler ausgegeben hat; oder in irgendwelchen angeblich wunderwirkenden „Strukturreformen“ bei der, sagen wir, deutschen Rentenversicherung – wenn die wahren Probleme in Donald Trump, den Chinesen oder Elon Musk liegen. Oder in einer ungenügend attraktiven Klimapolitik, die eher sanktioniert als positive Anreize zu setzen.

    Wenn gutgemeinte Reformen gepriesen werden, die de facto die Kürzung von Leistungen etwa in der Rente bedeuten, droht das in Wahrheit fahrlässig zu wirken. Es gibt ja etliche empirische Evidenz dafür, dass solche Kürzungen dazu führen, dass (noch mehr) Leute Populisten wählen. Eine Bankrotterklärung der alten Ökonomielehre, die so etwas als externe Effekte aus dem eigenen Zuständigkeitsbereich wegdefiniert.

    Es spricht viel dafür, dass so viel widersinnige Politik allmählich auch als solche wahrgenommen wird – ebenso wie sich zunehmend zeigt, dass die effekthaschende Polterpolitik von Donald Trump denen wirtschaftlich nicht wirklich hilft, die ihn aus Protest gewählt haben. Eine Chance für diejenigen, die demgegenüber eine New Economy stellen, ein neues ökonomisches Paradigma

    Erfolg wird das nur nach aller Wahrscheinlichkeit erst haben, wenn es noch mehr gut durchdachte Antworten darauf gibt, wie sich auf Basis der inzwischen etablierten neuen Ziele und Prinzipien genug neue Mittel und Instrumente und Politiken entwickeln lassen, mit denen sich die wirklichen Umstände bessern lassen. Durch konkrete Konzepte für eine attraktivere Klimapolitik, den Test von etwa einem Startkapital zum Abbau von Ungleichheit oder ein besseres Verständnis von Industriepolitik anhand konkreter praktizierter Beispiele oder eine besser gemanagte Globalisierung. Eine Aufgabe für die nächste Zeit – für das Forum, wie für alle, die überzeugt sind, dass es mit den alten Rezepten nicht besser wird, sondern schlimmer. Der Grundstein zunehmend geteilter Ziele und Prinzipien ist gelegt – jetzt kommt die nächste Etappe.

    „Es gibt inzwischen einen Konsens über Ziele und Prinzipien einer neuen Wirtschaft. Es braucht noch mehr Fortschritte bei der Entwicklung konkreter Politik – um auch die Populisten zu stoppen.“

New Economy – viele Köpfe

Über Schulen und Parteien hinweg

Einige Unterzeichner*innen der Berlin Summit Declaration

Ein Konsens, viele Formen

Von der Berlin Declaration 2024 über den London Consensus 2025 bis zum Global Council on New Economics for the 21st Century, wie er im April 2026 von Spaniens Premier Pedro Sanchez lanciert wurde: immer neue Initiativen lassen vermuten, wie entwickelt und fortgeschritten das Nachdenken über eine Alternative zum marktliberalen Paradigma inzwischen ist.

Wie die Prinzipien des neuen Konsens aussehen könnten, lässt sich aus dem Grundzügen der Berlin Declaration beispielhaft ableiten.

  • Zu den neuen Zielen gehören statt eindimensionale Effizienz geteilter Wohlstand und guten Jobs

  • Es braucht pro-aktive Industriepolitik, die regionale Brüche antizipiert
  • Es braucht auch eine besser gemanagte Globalisierung, um allzu harte Brüche zu vermeiden
  • Wirtschaften führt nicht automatisch zu Trickle-down und besserer Verteilung – hier braucht es aktiv Korrekturen
  • Klimapolitik über höhere Bepreisung droht kontraproduktiv zu sein – es braucht auch Investitionen
  • es braucht auch ein neues Gleichgewicht zwischen Märkten und kollektivem Handeln
  • es braucht eine Politik, die Marktmacht begrenzt

Reality-Check – Was wirklich hilft

Was erklärt den Aufstieg von Populisten und Autoritären in den vergangenen Jahren – und was hilft wirklich gegen den Unmut? Eine Auswertung auf Stand der modernen Forschung. Wie der Reality-Check entstand.

Von einem Zeitalter großer Schocks und Unsicherheiten…

GlobalisierungTechno-SchocksDeregulierung
MarktliberalisierungGlobalisierungTechno-Schocks
GlobalisierungMarktliberalisierungSoziale MedienTechno-Schocks

… zu einer tief sitzenden Sorge vor Kontrollverlust und Ohnmacht

Ohnmacht
Kontrollverlust
Unvorhersehbarer Stress
Verlustangst

Check-List: Was Ängste verstärkt – und was nicht

Populisten werden überall gewählt. Trotzdem fällt auf: immer da, wo es massive wirtschaftliche Umbrüche gab, ist die Neigung deutlich höher als anderswo. Dieser Befund gehört zu den am besten erforschten. So zeigte der Ökonom David Autor in einer berühmt gewordenen Studie, welchen Einfluss regionale Brüche auf die US-Präsidentschaftswahlen 2016 hatten: Donald Trump gewann am Ende vor allem in den Staaten, die mit Deindustrialisierung zu kämpfen hatten. Autor zeigte in seiner Auswertung der US-Wahlstimmen, dass Republikaner mehrere Staaten im Rust Belt verloren hätten, wenn die dort angesiedelten Industrien nicht so stark von zunehmenden Importen aus Niedriglohnländern getroffen worden wären1.

Vergleichbare Befunde ergeben Studien von Thiemo Fetzer zum Brexit. Wie der Ökonom zeigte, wurde 2016 vor allem in traditionellen Industriestandorten für den Brexit gestimmt, etwa im Nordosten Englands2. Der Effekt war dabei besonders ausgeprägt, wenn die Regierung in den Regionen besonders harte Kürzungen vorgenommen hatte (siehe auch Faktor Austerität). Städte wie London oder Cambridge, die von dem Niedergang nicht betroffen waren, stimmten hingegen gegen den Brexit3.

Der Düsseldorfer Ökonom Jens Südekum bemerkte ähnliche Muster auch für Deutschland, wo sich ebenfalls Regionen identifizieren lassen, in denen durch wirtschaftliche Umbrüche überdurchschnittlich viele Arbeitsplätze verloren gegangen sind4. Diese Regionen entwickelten sich zu Hochburgen der AfD5. Wie Südekum und Kollegen herausfanden, gewann die AfD überdurchschnittlich viele Stimmen in traditionellen Industrieregionen mit rückläufiger Beschäftigung im Verarbeitenden Gewerbe6. Solche Zusammenhänge wurden auch in Frankreich beobachtet, wo die Rechtsextreme Marine Le Pen ebenfalls besonders hohe Zustimmung in jener Gegend bekommt, die auch der „Französische Rust Belt“ genannt wird – eine Region, die zuvor in wirtschaftliche Schieflage geraten war3.

Politische Implikationen

Stimmt der Befund, spricht viel dafür, in gefährdeten Regionen präventiv alternative Industrien zu fördern, wenn sich größere Umbrüche abzeichnen. Empirische Evidenz für die Wirkung einer solchen pro-aktiven Regionalpolitik liefert unter anderem Robert Gold für die EU. In einer Langzeitauswertung von Wahldaten zeigt der Populismusforscher, dass die Menschen in gefährdeten Regionen, in denen die EU gezielt in die Regionalentwicklung investierte, bei Parlamentswahlen weniger rechtsextreme Parteien wählten7. Auch Ökonomen wie Jens Südekum und Dani Rodrik befürworten einen solchen Ansatz8. Im Saarland wurde mit Blick auf den anstehenden Wandel zur Elektromobilität vor einigen Jahren ein Transformationsfonds aufgelegt, mit dem Investitionen mobilisiert werden und bisherige Beschäftigte in der Autoindustrie so neue Arbeit finden sollen.

Auch wurden Schlüsse aus den Diagnosen von Autor und in die Regionalpolitik aufgenommen wurde, die US-Präsident Joe Biden von 2021 bis 2024 umgesetzt hatte. Stichwort: Inflation Reduction Act (IRA). Die Mittel wurden dabei gerade in solche Regionen investiert, die als besonders geschwächt galten – und in denen zuvor überproportional Donald Trump gewählt worden war.

Ob diese Politik erfolgreich war, lässt sich angesichts der Niederlage der Demokraten 2024 eher bezweifeln. Wie Robert Gold in einer systematischen regionalen Auswertung der US-Präsidentschaftswahlen 2024 zeigte, ließ sich bis zu den Wahlen noch kein spürbarer Effekt der massiven regionalen Investitionen auf das entsprechende regionale Wahlverhalten feststellen. Als möglichen Grund für das Ausbleiben einer Reaktion führen Experten und Expertinnen allerdings an, dass die tatsächlichen positiven Effekte des IRA völlig überlagert wurden vom Inflationsschock, den es nach Beginn des Kriegs in der Ukraine gegeben hatte. Auch spricht nach Golds Vermutung einiges dafür, dass die Effekte erst mit Verzögerung eintreten. Ob und wann eine pro-aktive Regionalpolitik erfolgreich ist, lässt sich demnach aktuell nur bedingt belegen.

1 Autor, D., Dorn, D., Hanson, G., & Majlesi, K. (2017). A note on the effect of rising trade exposure on the 2016 presidential election. Appendix to Importing Political Polarization, 3139-3183.

2 Becker, S. O., Fetzer, T., & Novy, D. (2017). Who voted for Brexit? A comprehensive district-level analysis. Economic policy32(92), 601-650.

3 Rodríguez-Pose, A. (2018). The revenge of the places that don’t matter (and what to do about it). Cambridge journal of regions, economy and society11(1), 189-209.

4 Dauth, W., Findeisen, S., & Suedekum, J. (2014). The rise of the East and the Far East: German labor markets and trade integration. Journal of the European economic association12(6), 1643-1675.

5 Dippel, C., Gold, R., Heblich, S., & Pinto, R. (2022). The effect of trade on workers and voters, The Economic Journal, 132(641), 199-217.

6 Schneider, L. (2020). Deindustrialisierung und wahlverhalten. Wirtschaftsdienst100(10), 787-792.

7 Gold, R., & Lehr, J. (2024). Paying off populism: How regional policies affect voting behavior (No. 2266). Kiel Working Paper.

8 Rodrik, D. (2022). An industrial policy for good jobs. Hamilton Project—Policy proposal. Washington, DC: Brookings Institution, 1-31.

Wenn es einen größeren Zustrom von Menschen nach Deutschland gibt, wählen mehr Leute extreme Parteien. Heißt es. In Wirklichkeit fällt bei näherem Hinsehen ein anderer Zusammenhang sehr viel deutlicher: stark zugenommen hat die Zustimmung zu Populisten, wenn die Inflation hoch ist. So stiegen die Umfragewerte der AfD in Deutschland just seit dem Höhepunkt der Inflation im Herbst 2022. Ähnliches gilt für das Jahr 2026: auch hier ist die Zustimmung zur AfD just in dem Moment gestiegen, als infolge des Kriegs im Nahen und Mittleren Osten Ölpreise und Inflation anzogen.

Ähnliche Wirkung scheint die Teuerung in den USA gehabt zu haben. Umfragen zufolge war die Inflation im Wahlkampf 2024 für rund 41 Prozent der US-Bürger und Bürgerinnen eines der wichtigsten Themen1. Und: dort, wo das Problem am stärksten wahrgenommen wurde, gewann bei der Wahl in der Tendenz Donald Trump. Sprich: ohne Inflation wäre Trump womöglich gar kein zweites Mal Präsident geworden.

Eine Mehrheit der Wähler und Wählerinnen gab 2024 vor den EU-Wahlen an, dass die Reduzierung von Inflation zu ihren Kernanliegen gehöre2. Dass sich diese Präferenzen auch in Wahlpräferenzen spiegeln, scheint logisch. Tatsächlich zeigt eine Analyse von 13 europäischen Ländern über einen Zeitraum von 30 Jahren hinweg, dass Wähler die jeweiligen Amtsinhaber an der Wahlurne abstraften, wenn es während der Regierungszeit zu Inflationsschüben kam3.

Die Forscher Jonathan Federle, Cathrin Mohr und Moritz Schularick prüften die Auswirkung von Inflationsschocks, indem sie die Ergebnisse von 365 Wahlen in 18 Industrienationen analysierten. Ergebnis: überall dort, wo es zu unerwarteten größeren Inflationsschocks kommt, gewinnen Populisten – bei einem Teuerungsschub von 10 Prozentpunkten erhöhte sich im Schnitt der Stimmenanteil populistischer Parteien sogar um rund 15 Prozent.  Besonders groß war der Zugewinn von populistischen Parteien, wenn Inflationsschocks nicht durch höhere Löhne und Gehälter aufgefangen wurden: fielen die realen Einkommen, kam es in aller Regel auch zu deutlich mehr Demonstrationen und Streiks in dem betreffenden Land4.

Dass Inflation einen so starken Einfluss auf das Wahlverhalten haben kann, scheint auch mit den Erkenntnissen von Psychologen und Soziologen übereinzustimmen: wenn die Preise stiegen, kommt dies für die Menschen einem Kontrollverlust gleich – worauf viele tendenziell mit einer stärkeren Neigung zur Wahl von Populisten reagieren.

Politische Implikationen 

Wenn der Befund stimmt, bekommt der Kampf gegen Inflation eine ganz neue Bedeutung. Und das hat auch Einfluss auf die Wahl der Mittel. Nach klassischem Ökonomie-Verständnis gilt es, auf Inflation vor allem durch Leitzinserhöhungen zu reagieren. Das Problem: die Wirkung tritt dann erst mit einiger Verzögerung auf – zu spät womöglich, um die Neigung zur Wahl populistischer Parteien noch zu stoppen. Außerdem können klassische Leitzinserhöhungen sogar kontraproduktiv sein, da sie Ungleichheit eher fördern – was wiederum eher zugunsten der Populisten wirkt: wohlhabende Haushalte profitieren bei solchen Zinserhöhungen von höheren Renditen, während einkommensschwache Haushalte mehr Geld für (Kredit-)Rückzahlungen zurücklegen müssen. 

Gerade weil klassische Maßnahmen im Hinblick auf das Wahlverhalten eher zu spät oder kontraproduktiv wirken, fordern Wirtschaftswissenschaftler wie Isabella Weber stattdessen präventive Maßnahmen. So ließe sich bei einem geopolitischen Schock verhindern, dass Rohstoffpreise ebenso schockartig und spekulativ verstärkt hochschnellen, indem etwa Vorräte rasch aufgestockt werden. In Deutschland wurden Anfang 2023 tatsächlich die Gasreserven aufgestockt, um Energiepreise niedrig zu halten. Anders als in der marktliberalen Idealvorstellung der Ökonomen können angesichts der massiven politischen Folgen auch direkte Eingriffe der Regierung dann sinnvoll sein – etwa gezielte Preiskontrollen und Preisdeckelungen5.

1 Gillespie, L. (2024). Survey: 41% of Americans Say Inflation is Their Top Economic Issue for the 2024 Election. Retrieved October28, 2024.

2 Abnett, K. (2024). Economy, Migration, War top Voters’ Concerns in EU Election–Survey. Retrieved October28, 2024.

3 Chappell Jr, H. W., & Veiga, L. G. (2000). Economics and elections in Western Europe: 1960–1997. Electoral Studies19(2-3), 183-197.

4 Federle, J. J., Mohr, C., & Schularick, M. (2024). Inflation surprises and election outcomes (No. 2278). Kiel Working Paper.

5 Lara Jauregui, J., Weber, I. M., Pires, L. N., & Teixeira, L. (2025). Price Shocks are Redistribution Shocks: Systemically Significant Prices for Inequality in the United States. Isabella M. and Pires, Luiza Nassif and Teixeira, Lucas, Price Shocks are Redistribution Shocks: Systemically Significant Prices for Inequality in the United States.

Zu den am besten erforschten Faktoren dafür, dass Menschen Populisten wählen, gehören Maßnahmen, mit denen der Staat seine Finanzen sanieren will – ob über Kürzungen von Sozialausgaben oder höhere Steuern und Abgaben. Nach ausgeprägter Austerität gewinnen Populisten regelmäßig an Zulauf. Gerade in Europa lassen sich dafür zahlreiche Belege finden. Ein prominentes Beispiel ist der Brexit, dem zwischen 2010 und 2015 radikale Sparmaßnahmen der britischen Regierung vorausgingen.

Der Ökonom Thiemo Fetzer hat in einer großartigen Studie zeigt, dass in jenen Regionen, in denen diese Austeritäts-Maßnahmen besonders strikt waren, überdurchschnittlich viele Stimmen an die populistische UKIP-Partei gingen – um 3,5 bis 11 Prozentpunkte mehr. Dies könnte für den Brexit entscheidend gewesen sein. Wären die Sparmaßnahmen nicht verabschiedet worden, hätte das Referendum nach Fetzers Diagnose durchaus zugunsten des „Remain“-Lagers ausfallen können1. Auch einzelne Sparmaßnahmen wie die von der britischen Regierung 2011 beschlossene Kürzung der Wohngeldleistungen für einkommensschwache Mieterfamilien führten zu einer nachweislich höheren Zustimmung für „Leave“, so Fetzer – und dazu, dass viele betroffene „Remain“-Befürworter keine Stimme abgaben2.

Ähnliche Effekte finden sich für Schweden: Im Jahr 2006 wurde hier ein Sparprogramm verabschiedet, mit dem unter anderem die Ausgaben für Kranken- und Arbeitslosengeld erheblich gekürzt wurden. Die Einführung dieses Sparprogramms führte zu einem signifikanten Anstieg des Stimmenanteils der rechtsextremen Partei „Schwedische Demokraten“3.

Der Effekt von Austerität kann auch auf gesamteuropäischer Ebene nachgewiesen werden. So zeigt eine Auswertung von 200 Wahlen über europäische Länder hinweg, dass eine Kürzung öffentlicher Ausgaben um 1 Prozent zu einem Anstieg des Stimmenanteils extremistischer Parteien um etwa 3 Prozentpunkte führt4.

Politische Implikationen

Wenn Sparmaßnahmen die Stimmenanteile populistischer und extremistischer Parteien erhöhen, sind gezielte öffentliche Ausgaben, beispielsweise in ökonomisch benachteiligte Regionen, ein Mittel gegen Populisten? Dazu gibt es bisher keine eindeutigen Ergebnisse und Antworten. 

Erste Befunde zeigen, dass die Zustimmung für populistische Parteien durch gezielte EU-Investitionen tatsächlich sinkt. Unter anderem weisen Giuseppe Albanese und Ko-Autoren nach, dass die Unterstützung von Populisten in solchen italienischen Gemeinden, die Zahlungen im Rahmen eines EU-Regionalfonds erhielten, um 5 Prozent niedriger war als in Gemeinden, die keine Zahlung erhielten5. Populismus-Forscher Robert Gold fand ebenfalls, dass Rechtsextreme in den vergangenen Jahrzehnten in jenen Regionen weniger Zulauf bekamen, in denen die EU über ihre Strukturfonds überdurchschnittlich viel investieren ließ.

Andererseits hat die EU zuletzt große Investitionspakete auf den Weg gebracht, darunter das 2020 angekündigte „Next Generation EU“-Paket in Höhe von 750 Milliarden Euro zur Abfederung der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise. Dies hat allerdings nicht verdindert, dass populistische Parteien in vielen Regionen in dieser Zeit auf dem Vormarsch blieben. Vorläufiges Fazit: es scheint weitere Forschung notwendig zu sein, um zu ergründen, unter welchen Umständen solche Investitionen zu nachlassender Zustimmung für die Populisten führt.

1 Fetzer, T. (2019). Did austerity cause Brexit?. American Economic Review109(11), 3849-3886.

2 Fetzer, T., Sen, S., & Souza, P. C. (2019). Housing insecurity, homelessness and populism: Evidence from the UK.

3 Bo, E. D., Finan, F., Folke, O., Persson, T., & Rickne, J. (2018). Economic losers and political winners: Sweden’s radical right. Unpublished manuscript, Department of Political Science, UC Berkeley2(5), 2.

4 Gabriel, R. D., Klein, M., & Pessoa, A. S. (2026). The political costs of austerity. Review of Economics and Statistics108(1), 145-161.

5 Albanese, G., Barone, G., & De Blasio, G. (2022). Populist voting and losers’ discontent: Does redistribution matter?. European Economic Review141, 104000.

Zu den stark unterschätzten tieferen Gründen für den Aufstieg von Populisten in allen möglichen reicheren Ländern dürfte etwas zählen, was sich unter dem Begriff der China-Schocks kategorisieren lässt. Fast überall, wo Rechtspopulisten in den vergangenen zehn Jahren gewonnen haben, hat es zuvor heftige wirtschaftliche Verwerfungen gegeben, die durch die neue Konkurrenz von Billiganbietern aus Schwellenländern ausgelöst wurden – in erster Linie aus China. Für die USA wurde dafür der Begriff des China-Schocks geschaffen. Seit Kurzem wird auch für Europa und Deutschland von so einem (zweiter) China-Schock gesprochen – also einem Phänomen drastisch zunehmender Importe aus China bei gleichzeitig kriselnden (deutschen) Exporten dorthin.

Dass diese Schocks über ihre wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen auch das Wahlverhalten beeinflussen, zeigen inzwischen eine ganze Reihe Studien. Logisch: auch hier wird direkt oder indirekt das Gefühl eines Kontrollverlusts bestärkt. Was lässt sich schon gegen die teils stark subventionierte Konkurrenz aus der Ferne machen? 

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Daron Acemoglu hat dargelegt, dass die Arbeitslosigkeit in jenen US-Regionen nachweislich stärker steigt, in denen die Einführzölle für chinesische Produkte besonders niedrig waren1. Auch die Löhne sanken in den betroffenen Regionen2. Wie David Autor in seiner berühmt gewordenen Studie darlegte, haben die Folgen des China-Schocks von Anfang der 2000er-Jahre in den USA dazu beigetragen, dass bei den Wahlen 2016 in den betroffenen Regionen des Rust Belts überdurchschnittliche viele Menschen für Donald Trump stimmten.

Legendär geworden ist in dem Zusammenhang auch das Buch des heutigen US-Vize-Präsidenten J.D. Vance, der in „Hillbilly Elegy“ die regionalen Folgen des Niedergangs auf die Menschen beschreibt. In mehreren europäischen Ländern wirkte sich der erste „China-Schock“ auch direkt auf die politische Einstellung der Bevölkerung aus: In Großbritannien führte eine Steigerung des chinesischen Import-Schocks – um, statistisch ausgedrückt, eine Standardabweichung – im Zuge der Brexit-Abstimmung zu einem Anstieg der „Leave“-Stimmen um zwei Prozentpunkte3. In Frankreich führte eine Erhöhung des chinesischen Import-Schocks wiederum zu einem höheren Stimmenanteil der rechtsextremen Front National um 0,4 Prozentpunkte4. Auch in Deutschland erhöhte der Schock die Stimmenanteile der AfD signifikant5.

Politische Implikationen

Wie bei fast allen empirisch belegbaren Faktoren, geht es auch bei den China-Schocks im Kern darum, dass sie das Gefühl von Ohnmacht und Kontrollverlust verstärken. Entsprechend hilfreich sollten alle Maßnahmen sein, mit denen Regierungen und EU unlauteren Wettbewerb durch subventionierte Billigangebote kontern. Das könnte nicht nur die Folgen der Schocks abmildern, sondern den Menschen in den betroffenen Ländern auch das Gefühl vermitteln, dass die eigenen Regierungen die Kontrolle nicht aufgegeben haben und durchaus im Interesse der eigenen Bevölkerung agieren. 

Diesen Effekt strebt seit 2025 ganz eindeutig US-Präsident Donald Trump an, indem er immer wieder mit höheren Zöllen droht und diese auch umsetzt. Fraglich ist nur, ob diese sehr konfliktreiche Politik über den reinen Eindruck der vermeintlichen Handlungsfähigkeit hinaus auch zu einer tatsächlichen Besserung der wirtschaftlichen Lage führt – und damit das Gefühl der Ohnmacht dauerhaft behebt. Zumal sie stets das Risiko anhaltender Handelskonflikte beinhalten, also das Gegenteil von Stabilität und Kontrolle. 

Effektiver könnten gezieltere industriepolitische Maßnahmen sein, mit denen bedrohte Regionen frühzeitig vor den Folgen solcher Schock bewahrt und neue Perspektiven geschaffen werden. Darauf zielten auch wesentliche Teile der Wirtschaftspolitik von US-Präsident Joe Biden in den Jahren bis 2024 ab. Mit dem Inflation Reduction Act sollten gezielt Investitionen in die geschwächten Regionen gelenkt werden. Dies führte tatsächlich zu mehr Wirtschaftsleistung und einem Rekord an Beschäftigung. Wie Auswertungen von Populismusforscher Robert Gold zeigen, blieb allerdings der erwartbare Effekt erst einmal aus, dass Wähler und Wählerinnen deshalb auch weniger stark für Donald Trump stimmten.

Auf Dauer könnte eine besser gemanagte Globalisierung helfen, in der Regierungen Industriepolitik machen dürfen, dies aber durch einen neuen Konsens über die Regeln dafür gedeckt wird – auch um das Gefühl von Ohnmacht zu beheben und Populisten zu bremsen. 

1 Acemoglu, D., Autor, D., Dorn, D., Hanson, G. H., & Price, B. (2016). Import competition and the great US employment sag of the 2000s. Journal of labor economics34(S1), S141-S198.

2 Autor, D. H., Dorn, D., & Hanson, G. H. (2013). The China syndrome: Local labor market effects of import competition in the United States. American economic review103(6), 2121-2168.

3 Colantone, I., & Stanig, P. (2018). Global competition and Brexit. American political science review112(2), 201-218.

4 Malgouyres, C. (2017). Trade shocks and far-right voting: Evidence from French presidential elections. Robert Schuman Centre for Advanced Studies Research Paper No. RSCAS21.

5 Dippel, C., Gold, R., Heblich, S., & Pinto, R. (2017). Instrumental variables and causal mechanisms: Unpacking the effect of trade on workers and voters (No. w23209). National Bureau of Economic Research.

Auf den ersten Blick eher überraschend scheint der Befund, dass Finanzkrisen und Bankencrashs zu höheren Sympathiewerten für Populisten führen. Genau das lässt aber unter anderem die große Finanzkrise von 2008 vermuten.

Die prominenteste Studie dazu stammt von den Ökonomen Manuel Funke, Moritz Schularick und Christoph Trebesch. In einer Auswertung von Finanzkrisen der vergangenen 140 Jahre zeigen sie, dass solche Crashs die gesellschaftliche Polarisierung verstärken. Besonders rechtsextreme Parteien profitieren dabei: Im Durchschnitt stiegen deren Stimmenanteile nach Finanzkrisen um 30 Prozent. Dabei scheinen Bankenkrisen auf besondere Art jenen Unmut zu verstärken, der Menschen zur Wahl politischer Extreme bringt. „Klassische“ Rezessionen oder makroökonomische Schocks, die nicht finanzieller Natur waren, lösten den Auswertungen zufolge keinen solchen Anstieg aus1.

Zu ähnlichen Ergebnissen kamen Yann Algan und Ko-Autoren in ihrer Untersuchung der Finanzkrise 2008. Durch Auswertung von Daten aus 26 europäischen Ländern zeigen die Forscher, dass die Krise nicht nur zu deutlich mehr Arbeitslosigkeit führte, sondern populistische Parteien dadurch auch einen signifikanten Zulauf erhielten. Stieg durch den Schock die Arbeitslosigkeit um einen Prozentpunkt, ging dies mit einem Stimmengewinn für Anti-Establishment-Parteien um 2 bis 4 Prozentpunkte einher2.

Erklärbar ist der Zusammenhang in jedem Fall: wie einige der anderen wichtigen Faktoren verstärken auch Bankenkrisen das Gefühl eines Kontrollverlusts, das in Zeiten mangelhaft gemanagter Globalisierung ohnehin präsent ist. Für das Narrativ von Populisten taugt ohnehin auch die Tatsache, dass in solchen Krisen Banken mit viel Geld gerettet werden – während der „Normalbürger“ Kosten und Arbeitslosigkeit trägt.

Dazu kommt, dass etwa verschuldete Haushalte während Bankenkrisen besonders belastet werden. Auch das nutzen Populisten aus. In Ungarn sprachen sich populistische Parteien nach der Finanzkrise 2008 für schuldenfreundliche Richtlinien und gegen „die Elite“, „die Banker“ und den „internationalen Finanzkapitalismus“ aus – eine Strategie, mit der sie einen deutlichen Stimmenzuwachs verzeichnen konnten3.

Politische Implikationen

Bankenkrisen zu vermeiden, ist immer gut – ob aus wirtschaftlichen, sozialen oder eben aus politischen Gründen: um als Spätfolge mit erstarkenden Populisten auskommen zu müssen. Ökonomen fordern vor diesem Hintergrund sowohl präventive als auch reaktive Maßnahmen. Moritz Schularick und Yann Algan befürworten ganz grundsätzlich daher langfristige Investitionen in Forschung, Innovation und öffentliche Infrastruktur, um so ökonomische Stabilität zu fördern. Kommt es dennoch zu Bankenkrisen, brauche es (europaweite) antizyklische fiskalpolitische Maßnahmen und eine gezielte Unterstützung geringer qualifizierter Arbeitskräfte, um den Erfolg von Populisten zu verhindern. Eine weitere wahlpolitische Konsequenz könnte darin liegen, bei der Rettung von Banken viel stärker dafür zu sorgen, dass auch Nicht-Banker vor den Folgen so einer Krise geschützt werden.

1 Funke, M., Schularick, M., & Trebesch, C. (2016). Going to extremes: Politics after financial crises, 1870–2014. European Economic Review88, 227-260.

2 Algan, Y., Guriev, S., Papaioannou, E., & Passari, E. (2017). The European trust crisis and the rise of populism. Brookings papers on economic activity2017(2), 309-400.

3 Gyöngyösi, G., & Verner, E. (2022). Financial crisis, creditor‐debtor conflict, and populism. The Journal of Finance77(4), 2471-2523.

Für die AfD stimmen Leute in reichen Regionen wie in ärmeren. Heißt es oft, um zu argumentieren, dass das Wahlverhalten mit wirtschaftlicher und sozialer Ungleichheit nichts zu tun hat. In Wirklichkeit zeigen Studien, dass es einen klaren Zusammenhang gibt. Zwar werden Populisten in der Tat nicht nur in ärmeren Regionen gewählt. Auch scheint der absolute Abstand zwischen Einkommen oder Vermögen nicht entscheidend zu sein. Vor allem eine Verschärfung von Ungleichheit führt aber durchaus dazu, dass mehr Menschen Populisten wählen.

Eine Auswertung von EU-Daten zeigt, dass es den Stimmenanteil rechtsextremer Parteien im Schnitt um 4,8 Prozentpunkte höher ausfallen ließ, wenn zuvor die Einkommen der obersten zehn Prozent der Einkommensbezieher deutlich – um statistisch ausgedrückt; eine Standardabweichung – gestiegen sind1. Diese Ergebnisse wurden bei Untersuchungen der OECD-Länder bestätigt: Auch hier folgt wachsender Einkommensungleichheit regelmäßig eine höhere Zustimmung für rechtsextreme Parteien. Allerdings sind tatsächliche monetäre Abstände zwischen Einkommen nicht das treibende Motiv hinter diesem Effekt. 

Zwar bestätigt sich in Wahlauswertungen immer wieder, dass die Zustimmung zu rechtspopulistischen Parteien unter Arbeitern inzwischen drastisch höher ist als im Schnitt der Bevölkerung. Das lässt darauf schließen, dass die sozialen Verhältnisse definitiv eine Rolle spielen.

Tiefergehende Untersuchungen zu den Beweggründen zeigen indes: höhere Einkommensungleichheit wirkt in erster Linie darüber verstärkend auf die Wahl von Populisten, dass sie die Angst vor sozialem Abstieg antreibt2. Dies bestätigt auch den Befund, dass individuell die Sorge vor Kontrollverlust und Ohnmacht bei vielen entscheidend dazu beiträgt, auf Populisten und ihre Rhetorik der Rückgewinnung von Kontrolle zu setzen – „take back control“, wie es als Slogan der Brexit-Kampagne Erfolg hatte. Ein weiterer Effekt, der in Studien bestätigt wurde: Einkommensungleichheit senkt das Vertrauen in politische Eliten – und führt dazu, stärker auf Nationalstolz zu setzen1.

Politische Implikationen

Welche Maßnahmen eignen sich, um diesen Effekt einzudämmen? Eine Option scheinen auf Anhieb Umverteilungsmaßnahmen, wie eine progressive Verbrauchsteuer2 oder höhere Steuern auf hohe Einkommen und Vermögen. Wenn Ungleichheit in erster Linie über die dadurch bestärkte Angst vor Statusverlust und Abstieg auf das Wahlverhalten wirkt, dürften solche steuerpolitischen Maßnahmen allerdings allein nicht viel bringen. Selbst eine höhere Besteuerung der oberen Einkommen würde per se erstmal nichts an den Ängsten jener ändern, die den eigenen Abstieg fürchten. Dann kommt es viel mehr auf all jene Maßnahmen an, die dazu beitragen könnten, das Gefühl von Ohnmacht zu beheben. 

Dies ließe sich etwa dadurch anstreben, dass vermeintlich abgehängten Bevölkerungsgruppen sehr viel aktiver neue Perspektiven geschaffen werden. Zu den moderneren Politiken, die auch Populismus bremsen könnten, kann daher auch eine pro-aktive Regionalpolitik gezählt werden, mit der bei drohenden Umbrüchen schon früh neue Industrien angelockt werden und Beschäftigte so aktiv zu neuen Jobs verholfen wird. Dazu zählt auch ganz grundsätzlich eine aktivere Industriepolitik, die jene Folgen von Technologie- und Globalisierungsschocks aufzufangen versucht, die sich ansonsten durch die reinen Marktkräfte ergeben – und Menschen aus Frust in die Arme der Populisten treibt3

1 Pástor, Ľ., & Veronesi, P. (2021). Inequality aversion, populism, and the backlash against globalization. The Journal of Finance76(6), 2857-2906.

2 Engler, S., & Weisstanner, D. (2021). The threat of social decline: income inequality and radical right support. Journal of European Public Policy28(2), 153-173.

3 Gold, R. (2022, February). From a better understanding of the drivers of populism to a new political agenda. In Forum for a New Economy, WP (No. 4).

Dass Manipulation und Tonfall in den sozialen Medien vor allem Populisten zugute kommt – darauf deutet eine wachsende empirische Forschung hin. Das gilt nicht nur für Donald Trump oder Elon Musk, die diese Medien aktiv zu eigenen Zwecken nutzen. Dieser Effekt spiegelt allerdings vor allem, wie Populisten Verstärkungsmechanismen nutzen – und über Demagogie in entsprechenden Kanälen Wähler oder Sympathisanten gewinnen. Ob Soziale Medien per se als originäre Ursache für die Populismuswelle der vergangenen Jahre eingestuft werden können, ist weniger klar.

Eine prominente Metastudie von Ekaterina Zhuravskaya und Ko-Autoren zeigt, dass soziale Medien im Vergleich zu anderen Kommunikationstechnologien verschiedene Eigenschaften besitzen, die Populismus befördern. Zum einen erscheinen populistische Argumente gegen „die da oben“ auf Online-Plattformen glaubwürdiger als in anderen Medien. Zum anderen schaffen soziale Medien über ihre Algorithmen eigene Blasen, die politische Einstellungen von Usern bestätigen und das „wir -gegen-die-Gefühl“ stärken1.

Darüber hinaus erleichtern mangelnde Regularien die Verbreitung von Fake-News, wovon Populisten besonders profitieren: Während der US-Präsidentschaftswahl 2016 wurden 30 Millionen Falschnachrichten geteilt, die Donald Trump positiv darstellten, während Hillary Clinton in 8 Millionen Falschnachrichten positiv dargestellt wurde2.

Die verbreitete Nutzung sozialer Medien hat demnach direkte politische Auswirkungen. In Italien führte der erweiterte Internetzugang nach 2008 beispielsweise zu einer nachweislich höheren Zustimmung der populistischen 5-Sterne-Bewegung3. Der renommierte Populismusforscher Sergej Guriev bestätigt diesen Zusammenhang in einer Auswertung von Daten aus 33 europäischen Demokratien zwischen 2007 und 2018. Danach hat die Verbreitung von 3G-Internetzugang den Stimmenanteil von rechtspopulistischen Parteien in diesem Zeitraum um 4,6 Prozentpunkte erhöht4.

Viel spricht zudem dafür, dass die Vervielfachung von Medien per se den gefühlten Kontrollverlust eher verstärkt als verringert. 

Politische Implikationen

Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung werden Falschnachrichten nach wie vor zu einem Großteil von Menschen verbreitet. Um den Erfolg populistischer Parteien auf Social Media zu begrenzen, dürften technische Lösungen daher unzureichend sein. Stattdessen müssen verifizierte Informationen klar gekennzeichnet und Anreize geschaffen werden, die von einem Verbreiten von Falschnachrichten abhalten5. Ein Beitrag zum Abbau populistischer Reflexe könnte sein, soziale Plattformen dazu zu verpflichten, umfassende Kontrollen von geposteten Inhalten einzuführen2

Ganz grundsätzlich könnten sich Lösungen des Problems auch aus einem neuen Verständnis von Technologie-Politik ergeben, wie sie Nobelpreisträger Daron Acemoglu nahelegt – und bei der die Richtung von Innovation weniger Marktkräften und Konzernen überlassen und mehr als bislang gesellschaftlich und demokratisch bestimmt wird.

1 Zhuravskaya, E., Petrova, M., & Enikolopov, R. (2020). Political effects of the internet and social media. Annual review of economics12(1), 415-438.

2 Allcott, H., & Gentzkow, M. (2017). Social media and fake news in the 2016 election. Journal of economic perspectives31(2), 211-236.

3 Campante, F., Durante, R., & Sobbrio, F. (2018). Politics 2.0: The multifaceted effect of broadband internet on political participation. Journal of the European Economic Association16(4), 1094-1136.

4 Guriev, S., Melnikov, N., & Zhuravskaya, E. (2021). 3g internet and confidence in government. The Quarterly Journal of Economics136(4), 2533-2613.

5 Vosoughi, S., Roy, D., & Aral, S. (2018). The spread of true and false news online. science359(6380), 1146-1151.

Wenn Ängste vor Kontrollverlust dazu beitragen, dass Menschen großspurig auftretende Populisten wählen, dann spricht viel dafür, dass das auch der Fall ist, wenn es um Ängste vor neuen Technologien geht – allen voran seit Kurzem bei jenen, die durch Künstliche Intelligenz und entsprechende Ängste vor dem Verlust menschlicher Autonomie ausgelöst werden. 

Dazu kommt eine alte Sorge: dass neue Technologien auch steigende Arbeitslosigkeit mit sich bringen – was umstritten ist, da neue Technologien immer auch neue Potenziale schaffen. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Daron Acemoglu zeigte 2017 in einer viel beachteten Studie allerdings auch eindrucksvoll, dass der Einsatz von Industrierobotern die Arbeitslosenquote in den USA nachweislich erhöht1.

Seitdem mehren sich die Belege dafür, dass Technologisierung und Automatisierung auch Populismus fördern. So hatte die zunehmende Automatisierung einen nachweislichen Effekt auf die US-Präsidentschaftswahlen 2016. Carl Frey, Thor Berger und Chinchih Chen zeigen, dass in jenen Staaten überproportional für Donald Trump gestimmt wurde, deren Wirtschaftsleistung stärker automatisiert wurde als anderswo in den USA. Den statistischen Auswertungen zufolge hätten Republikaner US-Staaten wie Wisconsin, Michigan oder Pennsylvania – und damit die Wahl – verloren, wenn die Automatisierung in diesen Staaten um 25 Prozent niedriger gewesen wäre2.

Ähnliche Effekte finden sich in Europa. In einer Langzeitanalyse für westeuropäische Länder zeigen die Wirtschaftswissenschaftler Massimo Anelli, Italo Colantone und Piero Stanig, dass Individuen, die der Automatisierung stärker ausgesetzt sind, eher dazu neigen, nationalistische und rechtsradikale Parteien zu wählen3. Automatisierung verleitet dabei vor allem solche Individuen zur Wahl rechtsradikaler Parteien, die unter ökonomisch prekären Bedingungen leben4.

Ein Sonderfall könnte dabei die Künstliche Intelligenz sein. Welche Effekte die rasante Verbreitung von künstlicher Intelligenz auf den Arbeitsmarkt hat, ist noch unzureichend erforscht. Der Ökonom Armin Granulo zeigt allerdings, dass die Mehrheit der Europäer KI schon jetzt als arbeitsplatzgefährdend einstuft. Diese Wahrnehmung hat, unabhängig von den tatsächlichen Auswirkungen, politische Auswirkungen: Die Evaluation zweier repräsentativer Experimente zeigt, dass die Einstufung von KI als arbeitsplatzgefährdend mit einem schwindenden Vertrauen in demokratische Institutionen einhergeht5.

Wirtschaftsnobelpreisträger Daron Acemoglu stellt in einem neuen Paper die These auf, dass die zunehmende Nutzung von KI die Wahrscheinlichkeit staatlicher Unterdrückung erhöht. Zunehmende Automatisierung erhöhe die Ungleichheit, was wiederum den Unmut der Bevölkerung und die Wahrscheinlichkeit von gesellschaftlichem Widerstand erhöht. Um dem zu begegnen, könnten Regierungen entweder staatliche Umverteilungs- oder Unterdrückungsmaßnahmen einsetzen6. Solche staatlichen Reaktionen auf Automatisierung und KI würden Populisten dann weiteren Aufwind geben. 

Politische Implikationen

Wenn neue Technologien bestimmte Bevölkerungsgruppen – wie etwa geringer Qualifizierte – besonders negativ treffen, läge nahe, dem entsprechenden Unmut durch finanzielle Umverteilung zu begegnen. Ein positiver Effekt von Umverteilung auf das Wahlverhalten wurde empirisch bisher allerdings nur bedingt belegt. Ein möglicher Grund ist, dass die zunehmende Automatisierung nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch den damit verbundenen sozialen Status von Individuen gefährdet – ein Verlust, der mit Ausgleichszahlungen allein nur schwer kompensierbar ist7.

Trifft diese Diagnose zu, müssen politische Reaktionen darauf abzielen, die Verlierer von zunehmender Automatisierung und KI nicht nur reaktiv, sondern auch präventiv zu schützen. Grundsätzlich plädieren Ökonomen wie Acemoglu seit geraumer Zeit dafür, den technologischen Wandel ohnehin viel weniger den reinen Marktkräften zu überlassen. Historisch gebe es etliche Beispiele dafür, dass große technologische Neuerungen eben nicht spontan in der Wirtschaft entstehen, sondern Folge staatlicher Politik sind, in der Geschichte oft militärisch motiviert. Eine neue Technologiepolitik könnte daher viel stärker dirigieren und gesellschaftlich mitbestimmen, welche Technologie akzeptiert und gewünscht wird (directed technology). Ultimativ könnte ein solcher grundlegender Prinzipienwandel dann auch ein Mittel gegen den gefühlten Kontrollverlust sein – und gegen das verbreitete Gefühl wirken, dass die Menschen technologischen Schocks hilflos ausgesetzt sind.

1 Acemoglu, D., & Restrepo, P. (2020). Robots and jobs: Evidence from US labor markets. Journal of political economy128(6), 2188-2244.

2 Frey, C. B., Berger, T., & Chen, C. (2018). Political machinery: did robots swing the 2016 US presidential election?. Oxford Review of Economic Policy34(3), 418-442.

3 Anelli, M., Colantone, I., & Stanig, P. (2019). We were the robots: Automation and voting behavior in western europe (No. 17/19). CReAM Discussion Paper Series.

4 Im, Z. J., Mayer, N., Palier, B., & Rovny, J. (2019). The “losers of automation”: A reservoir of votes for the radical right?. Research & Politics6(1), 2053168018822395.

5 Granulo, A., Raff, A., & Fuchs, C. (2026). Perceiving AI as labor-replacing reduces democratic legitimacy and political engagement. Proceedings of the National Academy of Sciences123(4), e2523508123.

6 Acemoglu, D., Gitmez, A. A., & Shadmehr, M. (2026). Automation and Repression (No. w35336). National Bureau of Economic Research.

7 Gingrich, J. (2019). Did state responses to automation matter for voters?. Research & Politics6(1), 2053168019832745.

In der Berliner Polit-Blase galt über lange Zeit, dass die Flüchtlingskrise von 2015 erst zum Aufstieg der AfD geführt habe. Richtig belastbare Belege dafür gab es allerdings nie – zumal Rechtspopulisten ja auch in vielen anderen Ländern seitdem teils noch stärkeren Zuwachs bekommen haben, obwohl es dort kein „2015“ gab. Entsprechend groß war denn auch die Ernüchterung, als 2026 die AfD trotz deutlich verschärfter Asylgesetze und rückläufiger Zuwanderung weiter an Zustimmung gewann.

Das heißt nicht, dass Migration nicht auch zu gefühlter Ohnmacht und Kontrollverlust beitragen können. Der Zusammenhang zwischen Migration und dem Stimmengewinn populistischer und rechtsextremer Parteien scheint nach Stand der inzwischen ausgiebigen Forschung nur keineswegs so eindeutig. 

Einerseits finden sich Belege für einen positiven Zusammenhang. Die Ökonomen Guglielmo Barone und Martin Halla zeigen, dass rechtsextreme Parteien wie die Forza Italia oder die FPÖ mehr Stimmen gewinnen konnten, wenn Gemeinden mehr Migration ausgesetzt waren1,2. Thiemo Fetzer fand empirische Evidenz dafür, dass zunehmende Migration den Stimmenanteil der UKIP-Partei in Großbritannien erhöhte3.

Andererseits gibt es aber auch etliche Belege für einen negativen Zusammenhang: so zeigten die Forscher Andreas Steinmayr, Paul Vertier und Max Viskanic, dass eine höhere Zuwanderung den Stimmenanteil populistischer österreichischer beziehungsweise französischer Parteien sogar verringerte4,5. Lonsky konkretisiert diesen Effekt für Finnland: Ein einprozentiger Zuwachs von Migranten ging hier mit einer Reduzierung von populistischen Wahlstimmen um 3,4 Prozentpunkten einher6.

Die Gegensätzlichkeit dieser Studien zeigt: Die Beziehung zwischen Migration und Populismus ist komplex und hängt von verschiedenen Faktoren ab. Die Anzahl der Migranten, ihre Qualifikation oder auch die Frage, ob sie nur durchreisen oder langfristig bleiben – all diese Variablen scheinen einen Einfluss darauf zu haben, ob Populisten von Migration profitieren7. Auch fällt auf, dass etwa in Deutschland in jenen Regionen überdurchschnittlich für Rechtspopulisten gewählt wird, in denen der Anteil von Migranten in der Bevölkerung eher niedrig ist – und umgekehrt eher niedrig, wo es in der Vergangenheit viel Migration gab. Gäbe es einen direkten Zusammenhang, wäre auch schwer zu erklären, warum trotz rückläufiger Zuwanderung die Zustimmung für Rechte weiter zunimmt. Das lässt zumindest darauf schließen, dass es andere, gegebenenfalls stärkere Einflussfaktoren gibt.

Politische Implikationen

Der uneindeutige Effekt von Migration auf die Wahlentscheidungen zugunsten populistischer Kräfte erschwert politische Handlungsempfehlungen. Nähere Untersuchungen etwa zur oft hervorgehobenen restriktiveren Migrationspolitik in Dänemark zeigen, dass diese Nachahmung rechter Politik zwar kurzfristig zu Wahlerfolgen der Sozialdemokraten gegen Rechtspopulisten beigetragen haben. In Summer ist der Anteil der Stimmen seither aber gar nicht gesunken, die in Dänemark auf rechtnationale und rechtsextreme Parteien entfallen.

Erschwerend dürfte hier wirken, dass Menschen den Umfang von Migration systematisch überbewerten. In den USA wurde der Anteil von Migranten in Umfragen auf 35 Prozent geschätzt – faktisch lag er bei nur 10 Prozent. Auch andere Faktoren wie der Bildungsgrad von Migranten werden kontinuierlich falsch bewertet: 2019 schätzen befragte Briten in einer Umfrage, dass nur rund 25 Prozent der Migranten über einen Hochschulabschluss verfügen – tatsächlich waren es 50 Prozent8.

Der britische Ökonom Paul Collier empfahl 2025 eine pro-aktive Migrationspolitik, die bewusst auch die Sorgen der lokalen Bevölkerung adressiert – etwa durch gezielte Investitionen und Geldflüsse in Regionen, in denen es zu besonders starker Migration gekommen ist.

Zugleich dürfte das populistische Narrativ von der Entfremdung allerdings auch seine eigene Wirkung entfalten – unabhängig von tatsächlichen Effekten. Entsprechend wichtig dürften Gegennarrative sein, die auf den Abbau gezielt geschürter Ängste setzt – ohne berechtigte Sorgen kleinzureden.

1 Barone, G., D’Ignazio, A., De Blasio, G., & Naticchioni, P. (2016). Mr. Rossi, Mr. Hu and politics. The role of immigration in shaping natives‘ voting behavior. Journal of Public Economics136, 1-13.

2 Halla, M., Wagner, A. F., & Zweimüller, J. (2012). Does immigration into their neighborhoods incline voters toward the extreme right? The case of the Freedom Party of Austria.

3 Becker, S. O., & Fetzer, T. (2016). Does migration cause extreme voting. Center for Competitive Advantage in the Global Economy and The Economic & Social Research Council, 1-54.

4 Steinmayr, A. (2021). Contact versus exposure: Refugee presence and voting for the far right. Review of Economics and Statistics103(2), 310-327.

5 Vertier, P., Viskanic, M., & Gamalerio, M. (2023). Dismantling the “Jungle”: Migrant relocation and extreme voting in France. Political Science Research and Methods11(1), 129-143.

6 Lonsky, J. (2021). Does immigration decrease far-right popularity? Evidence from Finnish municipalities. Journal of Population Economics34(1), 97-139.

7 Guriev, S., & Papaioannou, E. (2022). The political economy of populism. Journal of Economic literature60(3), 753-832.

8 Alesina, A., Miano, A., & Stantcheva, S. (2023). Immigration and redistribution. The Review of Economic Studies90(1), 1-39.