Amerikas Präsident setzt auf Zolldrohungen, der Staatschef von Argentinien auf radikale Kürzungen beim Staat, und in Deutschland scheint plötzlich wie einst zu Agenda-2010-Zeiten wieder zu gelten, dass nur mehr gearbeitet werden müsse, um die Probleme der Zeit zu lösen. All das wirkt nicht so, als hätte sich knapp 20 Jahre nach der großen Finanzkrise so etwas wie ein neues wirtschaftspolitisches Paradigma entwickelt, mit dem die Lehren aus dem Kollaps des damals noch dominierenden Marktliberalismus gezogen werden. Das erscheint erstaunlich, wo es seit Jahren ganze Wellen an neuer Forschung gibt und gab, die jene ganz neuen Herausforderungen dieser Zeit ganz offenbar besser angehen, als es über die pure Hoffnung gelingen wird, marktliberale Reformen oder Mehrarbeit könnten gegen zunehmend schwer nachvollziehbare Ungleichheit, die Risiken von KI, den Klimawandel oder die staatlich subventionierte Billigkonkurrenz aus China helfen.
Klar, gibt es noch kein fertiges neues Leitbild für die neue Zeit. Dafür sind viele Fragen auch noch offen. Anders als vor ein paar Jahren hat sich inzwischen nur etwas herauskristallisiert: ein weitgehender Konsens über die Ziele, die das neue Paradigma ausmachen. Anders als im marktliberalen Zeitalter geht es nicht nur um wirtschaftliche Effizienz und Wachstum. Damit lassen sich weder Klimawandel, noch Ungleichheit per se beheben – und offenbar auch nicht der fatale Hang, auf Autoritäre und Populisten zu setzen. Dass es um eine neue Rollenverteilung zwischen Markt und Konzernen einerseits sowie Politik und Gemeinschaft geht, gehört ebenso zum neuen Verständnis, wie das Prä, dass es ohne positive Anreize in der Klimapolitik und aktiverem Gegensteuern gegen die Übermacht einiger Ultrareicher keinen dauerhaften Wohlstand gibt.
Hinter solchen Zielen und Grundsätzen standen bisher vor allem die großen Vordenker und Vordenkerinnen der New Economy in ihren jeweiligen Spezialgebieten. Das gilt für Thomas Piketty, Gabriel Zucman und Branko Milanovic, die dazu beigetragen haben, dass die drastische Ungleichheit statistisch überhaupt erst erfasst und analyisiert werden konnte. Das gilt für Mariana Mazzucato, die in etablierten Ökonomie-Kreisen gern verspottet wird, aber doch spektakuläre Einsichten zur tatsächlichen strategischen Rolle von Regierungen gebracht hat – und damit Konzepte wie die Idee einer missionsorientierten Politik jenseits des naiven Glaubens daran, dass die Märkte schon immer die Entscheidungen treffen, die auch für die Menschen gut sind.
Das gilt auch für etliche andere: für Dani Rodrik und seine frühe Kritik an einer schlecht gemanagten Globalisierung – und seine Konzepte einer modernen Industriepolitik oder die Wichtigkeit, auf „gute Arbeit“ zu setzen, statt nur auf Effizienz; oder für Nobelpreisträger Daron Acemoglu und Simon Johnson, die historisch aufgearbeitet haben, wie sehr Regierungen bei großen Innovationen stets mitgewirkt haben – anders als es das Dogma von der marktliberalen Technologie-Offenheit vermuten ließe.
All das vereint längst nicht mehr nur die vermeintlich üblichen Verdächtigen. Wie sehr der Konsens über die neuen Ziele und Prinzipien reicht, kam etwa in der Berlin Declaration zum Ausdruck, die das Forum New Economy im Frühjahr 2024 initiierte. Zu den Unterzeichnern und Unterzeichnerinnen zählten auch Nobelpreisträger Angus Deaton und der frühere IWF-Chefökonom Olivier Blanchard, ebenso wie Aspen-Chefin Annika Mildner Storm, die vor ein paar Jahren Teil einer Ökonomengruppe der G7 zum Ausloten neuer Ansätze war.
Im Jahr darauf folgte – initiiert an der renommierten London School of Economics – ein Band namens „London Consensus“ – ein weiteres Beispiel, das zusammenzubringen, was das neue Denken ausmacht. Die spanische Regierung brachte wiederum international führende neue Denker und neue Denkerinnen wie Mariana Mazzucato und Isabella Weber zusammen. Die Liste ließe sich um etliches verlängern. Quintessenz: aus dem disparaten Versuch spezialisierter Fachleute, neue Antworten auf Teilprobleme zu finden, ist inzwischen ein ziemlich robuster Rahmen neuer Grundsätze und Ziele geworden.
Und: dass all das nicht nur akademische Übungen sind, lässt sich inzwischen auch an etlichen praktischen Beispielen messen. Was US-Präsident Joe Biden bis 2024 wirtschaftspolitisch aufgesetzt hat (Stichwort IRA), basierte stark auf Grundsätzen, wie sie die Vordenker des neuen Paradigmas entworfen haben, ebenso wie der Green Deal der EU – oder Versuche, in Deutschland das Auseinanderdriften von Einkommen über jeweils höhere Mindestlöhne umzukehren (mit Erfolg). Dazu gehört auch das, was 2025 in Deutschland zur Reform der Schuldenbremse geführt hat. Zwar regt sich dagegen immer wieder Widerstand. Dass umgekehrt das haushälterische Dogma von der Schwarzen Null vorzuziehen wäre, das so fatale Folgen für die Ausstattung von Schulen, Straßen und Bahnen hatte, würde kaum einer mehr behaupten. Auch das ein Paradigmenwechsel. Wer in die Zukunft investiert, erreicht das eben nicht mit Abbau
Wie weit auch bei den Menschen die Notwenigkeit des Neuen schon angekommen ist, zeigen etliche Umfragen: es gibt große Mehrheiten, die der Aussage zustimmen, wonach das heutige Auseinanderdriften von Vermögen nicht mehr mit Unterschieden in der Leistungsfähigkeit vereinbar ist – selbst innerhalb der Wählerschaft von CDU und FDP findet das nur noch eine Minderheit. Ein wahrer Wandel. In Frankreich gab es 2025 erstmals eine Mehrheit in der Nationalversammlung für eine höhere Vermögensteuer, wie sie Gabriel Zucman vorgeschlagen hat; sie scheiterte erst im Senat. Auch das wäre ein paar Jahre zuvor nicht denkbar gewesen.
Bliebe umso mehr die Frage, warum die neuen Ziele und Grundsätze nicht viel stärker noch in praktische Politik eingegangen sind – warum es das neue Paradigma dort noch so wenig zu geben scheint. Ein Grund dürfte sein, dass es jenseits des zunehmenden Konsens zu Prinzipien und Zielen noch nicht wirklich umfassend belastbare praktische Handlungsanweisungen gibt. Dem Konsens, dass etwas gegen die Ungleichheit getan werden muss, stehen noch etliche offene Fragen gegenüber, was die genauen Mittel angeht. Eine simple Reichensteuer würde die Ärmeren noch nicht reicher machen und die Ungleichheit nicht wesentlich abbauen. Mehr verspräche eine Art Startkapital von 30.000 oder mehr Euro für jeden Anfang-Zwanzig-Jährigen – wie genau das verteilt und Missbrauch vermieden werden könnte, ist nur längst noch nicht ausgeforscht. Auch was die beste Klimapolitik ist, ist nicht so klar – nur dass das plumpe Erhöhen von Abgaben nicht optimal oder sogar kontraproduktiv wirkt, scheint immer klarer.
Wenn das stimmt, bewahrheitet sich auch eine These, die unter den Neuen Denkern schon früh kursierte – und eine Startannahme der Arbeit des Forum New Economy in früherer Phase war: dass der Aufstieg der Populisten und Autoritären seit etwa 2015 viel mit dem Niedergang des marktliberalen Paradigmas zu tun hat – und damit, dass nach der großen Sinnkrise der Marktliberalen eben kein fertiges neues Paradigma parat war, nicht mal ein Konsens über neue Ziele und Prinzipien, wie es ihn inzwischen gibt. Dann haben die Populisten schlicht das Vakuum besetzt mit ihren scheinbar simplen, aber meist wenig effektiven Mitteln. Dann wird es ein Ende der gefährlichen großen Welle an Autoritarismus erst geben, wenn die Menschen von dem überzeugt sind, was ein neues Paradigma mit sich bringt für die tatsächliche Lösung der Probleme der Zeit.
Das könnte nicht nur Wahl und Wiederwahl von Donald Trump oder den einstigen Erfolg der Brexit-Kampagne erklären. Es könnte auch erklären, warum etwa in Deutschland auf viel moderatere Art mangels ausgereifter neuer Ideen die plumpe Ökonomie der 1990er- und 2000er-Jahre ein Revival erlebt. Wer keine neuen Ideen hat, greift reflexartig auf Altbewährtes zurück – mit der fatalen Nebenfolge, dass das gar nicht so bewährt war und erst recht nicht ist.
Für die nächsten Etappen hin zu einem wirklich besseren neuen Paradigma könnte genau hier auch eine Chance liegen. Es braucht nicht viel Grips, um zu erkennen, dass es natürlich wenig hilft mehr zu arbeiten, wie es der deutsche Bundeskanzler ausgegeben hat; oder in irgendwelchen angeblich wunderwirkenden „Strukturreformen“ bei der, sagen wir, deutschen Rentenversicherung – wenn die wahren Probleme in Donald Trump, den Chinesen oder Elon Musk liegen. Oder in einer ungenügend attraktiven Klimapolitik, die eher sanktioniert als positive Anreize zu setzen.
Wenn gutgemeinte Reformen gepriesen werden, die de facto die Kürzung von Leistungen etwa in der Rente bedeuten, droht das in Wahrheit fahrlässig zu wirken. Es gibt ja etliche empirische Evidenz dafür, dass solche Kürzungen dazu führen, dass (noch mehr) Leute Populisten wählen. Eine Bankrotterklärung der alten Ökonomielehre, die so etwas als externe Effekte aus dem eigenen Zuständigkeitsbereich wegdefiniert.
Es spricht viel dafür, dass so viel widersinnige Politik allmählich auch als solche wahrgenommen wird – ebenso wie sich zunehmend zeigt, dass die effekthaschende Polterpolitik von Donald Trump denen wirtschaftlich nicht wirklich hilft, die ihn aus Protest gewählt haben. Eine Chance für diejenigen, die demgegenüber eine New Economy stellen, ein neues ökonomisches Paradigma
Erfolg wird das nur nach aller Wahrscheinlichkeit erst haben, wenn es noch mehr gut durchdachte Antworten darauf gibt, wie sich auf Basis der inzwischen etablierten neuen Ziele und Prinzipien genug neue Mittel und Instrumente und Politiken entwickeln lassen, mit denen sich die wirklichen Umstände bessern lassen. Durch konkrete Konzepte für eine attraktivere Klimapolitik, den Test von etwa einem Startkapital zum Abbau von Ungleichheit oder ein besseres Verständnis von Industriepolitik anhand konkreter praktizierter Beispiele oder eine besser gemanagte Globalisierung. Eine Aufgabe für die nächste Zeit – für das Forum, wie für alle, die überzeugt sind, dass es mit den alten Rezepten nicht besser wird, sondern schlimmer. Der Grundstein zunehmend geteilter Ziele und Prinzipien ist gelegt – jetzt kommt die nächste Etappe.
„Es gibt inzwischen einen Konsens über Ziele und Prinzipien einer neuen Wirtschaft. Es braucht noch mehr Fortschritte bei der Entwicklung konkreter Politik – um auch die Populisten zu stoppen.“