Von den fatalen Folgen der deutschen Lust am Untergang

Der Kanzler hat nach seinem Wahldebakel dieser Tage gesagt, man solle auch mal sagen, was gut ist in Deutschland.

Das klingt ein bisschen tragisch – nach endlosen Monaten, in denen Friedrich Merz’ Freunde aus Wirtschaft und eher ultraorthodoxer Ökonomie nichts ausgelassen haben, um theatralisch den unmittelbaren Niedergang der Wirtschaft, die drohende Deindustrialisierung, die Letztplatzierung bei Wachstumstabellen und generell die Unfähigkeit, Überbürokratisierung und mangelnde Leistungsbereitschaft im Land zu beschreiben.

Klar, war das Kalkül: nach dem vermeintlich bewährten Motto, dass Leidensdruck am Ende die Bereitschaft der Menschen zu „schmerzhaften“ Reformen erhöht – zumal, wenn einem für die Reformen überzeugendere Argumente fehlen; oder die mangelnde Arbeitsmoral in einem Land beklagt wird, in dem stressbedingte gesundheitliche Leiden auf Rekordhoch liegen.

Das doppelte historische Drama, das sich jetzt abzeiichnet, ist, dass das Stakkato der Negativberichte die Bereitschaft in weiten Teilen der Bevölkerung gar nicht erhöht zu haben scheint, wie schon die Wahldebakel der beiden Reformregierungsparteien vermuten lassen, dafür im Gegenteil das Narrativ aller Autoritären bestärkt wurde, wonach im Land ohnehin alles falsch läuft – und deshalb mal ordentlich durchgegriffen werden müsse. Da haben Merz und Mitjammerer die Geister gerufen, die jetzt für den Absturz sorgen – nur halt für ihren eigenen.

Was das für die nächsten Monate bedeutet, haben Martin Kaelble und ich in Folge 3 unseres Podcast besprochen. Tenor: Ergibt ja auch keinen Sinn, dafür jetzt alles schönzureden.

Dringend nötig wäre in jedem Fall, besser hinzusehen, was wirklich dazu führt, dass Leute AfD wählen – und wann und wo sie das besonders stark machen. Den Stand der Forschung haben wir in unserem Reality-Check zusammengestellt – work in progress. In den nächsten Tagen werden wir dazu auch mit Spezialisten und Spezialistinnen in Paris sprechen, wo schon im Frühjahr die Rechtsextreme Marine LePen Präsidentin werden könnte. Was sind die Gemeinsamkeiten, was ist in Frankreich anders? Und was lässt sich von Frankreich lernen, wo die LePens schon seit den 1980er-Jahren präsent sind? Ein Update folgt.

Credit Picture: (c) Maja Hitij/Getty Images

  • Zwischen Frühaufstehen und Vergesellschaften – was hilft Deutschland?

    Ein Paradigma, das klingt nach etwas ziemlich Abstraktem. Wie wirkungsvoll so ein gesellschaftliches Leitbild sein kann, zeigt sich immer dann, wenn es sehr mächtig geworden ist – wie etwa in der Hochzeit des Marktliberalismus, als der Leitgedanke war, alles dem Markt zu überlassen, und selbst Rote und Grüne es toll fanden zu privatisieren, bis der Crash kam.

    Weiterlesen: Zwischen Frühaufstehen und Vergesellschaften – was hilft Deutschland?
  • In Wut vereint – was Franzosen und Deutsche eint

    Brennende Schulen, Schuldenpanik an den Finanzmärkten und eine Rechtsextreme, die in ein paar Monaten das Land regieren könnte: Was in Frankreich gerade zusammenkommt, lässt eher niedlich wirken, worüber die Deutschen zurzeit klagen.

    Weiterlesen: In Wut vereint – was Franzosen und Deutsche eint
  • Reformstopp vs Reformturbo – was hilft jetzt gegen den AfD-Schub?

    Beinahe jeder zweite Wähler hat in Sachsen-Anhalt AfD gewählt. Im Bund liegt die rechtsextreme Partei vor allen anderen. Seitdem fordern die einen, die Regierung müsse als Mittel dagegen jetzt noch mehr reformieren. Andere empfehlen das Gegenteil. Nichts könnte angsteinflößender spiegeln, wie ratlos vieles gerade wirkt, was als Reaktion im Rest der Republik seither zu vernehmen ist.

    Weiterlesen: Reformstopp vs Reformturbo – was hilft jetzt gegen den AfD-Schub?